Cloclo und Ich

Stefano Knuchel, Schweizer Musiker, Filmemacher, Mitarbeiter des Filmfestivals in Locarno, hat ein bewegtes Leben hinter sich, das er in seinem sehr persönlichen Dokumentarfilm „Cloclo und Ich“ Revue passieren lässt. Zwischen Kriminalität und Vaudeville bewegte er sich Zeit seines Lebens, wuchs auf der Flucht auf und lernte Lektionen fürs Leben.

Webseite: www.dejavu-film.de

OT: Quand j'étais Cloclo
Schweiz 2016 – Regie & Buch: Stefano Knuchel
Länge: 105 Minuten
Verleih: déjà-vu Film
Kinostart: 13. Juli

FILMKRITIK:

„Was ist 395 Jahre alt und hat Alkoholismus, Gefängnis, Drogen, Betrügereien und Depressionen überlebt? Meine Familie!“ Man könnte annehmen, dass diese Aussage über seine Familie, Stefano Knuchel zu einem eher skeptischen Fazit auf seine Verwandtschaft bringen würde, doch weit gefehlt. Streng genommen könnte man zwar sagen, dass der 1966 in Locarno geborene Knuchel in kriminellen Kreisen aufwuchs, doch die windigen Geschäfte des Vaters waren wohl eher das, was in der Literatur und im Kino gern in Gestalt so genanter Gentlemen-Ganoven thematisiert wird: Kriminelle, die sich in der Regel an ohnehin wohlhabenden Menschen bereichern, die es durchaus verschmerzen können, wenn man ihnen ein Haus im Tessin vollkommen überteuert andreht.
 
Denn das war das „Geschäftsmodell“ von Knuchels Vater: Günstig Häuser im Tessin und Umgebung zu kaufen, sie ein wenig auf zu hübschen und anschließend mit großem Profit weiter zu verkaufen. Lange Jahre ging das augenscheinlich gut, lebte die Familie in einem schmucken Haus mit Blick auf den Lago Maggiore, spielten die Kinder im Pool des Gartens, während die Eltern mondäne, feuchtfröhliche Partys feierten. Doch irgendwann war das schöne Leben vorbei, wurden in Nacht und Nebel-Aktionen die Zelte abgerissen und das Land gewechselt: Mal nach Spanien, dann nach Frankreich und schließlich zurück in die Schweiz, immer auf der Flucht vor Gläubigern und dem offensichtlich nicht sehr insistierendem Zugriff des Staates.
 
Voller Verve und nostalgischer Verklärung erzählt Knuchel von diesem Leben, das er zu einem einzigen großen Abenteuer stilisiert. Dass da bald der Kater kommen muss, liegt auf der Hand und so ist es auch: Knuchels Geschwister scheitern alle mehr oder weniger, waren jahrelang drogensüchtig oder arbeitslos, die Eltern trennten sich bald, der Vater verschwand und galt lang als verstorben. Auch Knuchel selbst zog jahrelang ziellos durchs Leben, jobbte hier und da und fand schließlich beim Radio zu einer Möglichkeit, seine Liebe zur Musik auszuleben.
 
Schon in jungen Jahren trat er vor seinen Eltern und Freunden auf, sang im Playback Songs des französischen Schlagersängers Claude Francois, genannt Cloclo, den seine Mutter über alles liebte. Wenn man mag, kann man in Knuchels Hang zur Performance, zur Verkleidung, ja, zur Illusion, eine Parallele zum Vater sehen, der sein Talent im Gegensatz zu Knuchel dazu einsetzte, andere Menschen übers Ohr zu hauen. Immer wieder streut Knuchel solche nachdenklichen Töne ein, sinniert über das Leben, das Schicksal, die Erinnerung, in der seine Kindheit trotz aller widrigen Umstände ausgesprochen rosig erscheint. Ob seine Geschwister das ähnlich sehen, bleibt offen, sie kommen kaum zu Wort, dies ist einzig und allein Knuchels Show. Man muss ihn schon mögen, diesen gut 50jährigen Mann, ihn und seinen Blick auf ein sicherlich ungewöhnliches Leben, dessen universelle Aspekte nicht immer erkennbar sind. Das Allgemeine im speziellen anzudeuten, zu zeigen, warum sich ein Außenstehender für das Familienleben der Knuchels interessieren sollte, gelingt in „Cloclo und Ich“ nur bedingt.
 
Michael Meyns