Darshan

Frankreich/Japan/Deutschland 2004
Regie: Jan Kounen
Dokumentarfilm; mit Mata Amritanandamayi (Amma), Swami Ramakrishnananda, Swami Amritaswarupananda Puri u.a.
94 Minuten
Verleih: Pegasos
Kinostart: 1.12.05
www.pegasosfilm.de

Dokumentarfilmprojekt über die in Indien wie eine Heilige verehrte Mata Amritanandamayi, genannt „Amma“. Erst im Oktober war sie wieder einmal auf Besuch in Deutschland, besuchte im Odenwald ein Meditationszentrum, in dem sich regelmäßig Anhänger ihres Wirkens zu Gebeten und Meditationen, aber auch zum Zwecke karitativen Wirkens treffen. Zum Abschied gab es, wie immer, wenn „Amma“, auftritt, herzliche Umarmungen. Durch den Porträtfilm „Darshan – Die Umarmung“ des niederländischen Filmemachers Jan Kounen zieht sich dieses Ritual wie ein roter Faden.

An die 23 Millionen Menschen soll Amma – in Hindi das Wort für Mutter – in den vergangenen 30 Jahren umarmt haben. Eine Geste der Liebe, ein Zeremoniell. Für jene, die diese Umarmung erfahren dürfen, ein Moment der Glückseligkeit und der Offenbarung. „Darshan“ ist ein Begriff aus dem Sanskrit, in religiöser Hinsicht wird damit eine Begegnung zwischen Meister und Schüler bezeichnet, wobei diese auch durch das meditative Betrachten eines Götterbildes geschehen kann. Im Falle von Amma ist es aber auch ein Zeichen höchst mütterlichen Ausdrucks.

Ein Verhalten, dass nicht von ungefähr kommt. Schon früh in ihrer Kindheit entwickelt sich bei Amma, die damals noch auf den Mädchennamen Sudhamani hört und einer armen Fischerfamilie im südindischen Kerala entstammt, eine soziale Ader. Bedürftigen Nachbarn gibt sie Kleider und Nahrung, verschenkt einmal sogar den goldenen Armreif ihrer Mutter. Die verständnislosen Eltern werfen sie aus dem Haus. Doch Sudhamani ist bescheiden und zufrieden, in ihrer Lebensphilosophie verschmelzen Bakhti (Andacht, Gebet, Gesänge) und Karma (Taten wie gemeinnützige Arbeiten). Ihr Lebensziel definiert sie als selbstlosen Dienst für die leidende Menschheit. „Ich bin nicht hier, um etwas zu erreichen, sondern um für das Glück der anderen allem zu entsagen", sagt die 1953 geborene. Ende der 1970er Jahre eröffnet sie, nachdem immer mehr Menschen bei ihr Rat suchen, einen Ashram in Amritapuri, genau dort, wo sich heute ein regelrechtes Zentrum ihres Wirkens mit bis zu 18 Stockwerken hohen Gebäuden befindet und Anhänger aus der ganzen Welt zur freiwilligen Hilfe und inneren Einkehr treffen. 1993 gehört Amma im Parlament der Weltreligionen in Chicago zu den höchsten Repräsentanten des Hinduismus, spricht 1995 zu den Feierlichkeiten des 50-jährigen Bestehens vor der UNO und erhält 2002 für ihr soziales Engagement und ihr lebenslanges gewaltfreies Wirken den Gandhi-King-Preis. Durch Auftritte wie diese wird auch die Weltpresse vermehrt auf Mata Amritanandamayi und ihre zahlreichen karitativen Projekte aufmerksam.

Jan Kounen, der sich zuletzt in seiner visionären Comic-Adaption „Blueberry“ für den Schamanismus interessierte, war vom Wirken der in Indien wie eine Heilige verehrten Amma derart fasziniert, dass er sie nun für sein Dokumentarfilmporträt begleitete. Darin versucht Kounen, ein Gefühl für die Leidenschaft von Ammas Wirken zu geben und ihren ungewöhnlichen Weg aufzuzeigen. Trotz der Verwendung einiger aufgefundener Filmaufnahmen aus Ammas Kindheit und Jugend bleibt die Vergangenheit und der Werdegang dieser faszinierenden Frau jedoch sekundär. Überhaupt entsteht der Eindruck, als ob Amma ihrerseits nicht daran gelegen wäre, sich und ihre Person in den Vordergrund zu rücken. Sie sagt: „Wahre Gurus leben für ihre Schüler, sie erwarten nichts von ihnen.“ Ihre Ausstrahlung oder die Kraft jener Orte, an denen sie meditiert, vergleicht sie mit einer Parfümfabrik: „In ihrer Nähe fühlt man sich wohl.“ Den Tod bezeichnet sie als paradiesische Erfahrung, vor der man sich nicht fürchten müsse („so wie nach jedem Ende eines Satzes ein Punkt kommt und dann wieder ein neuer Satz beginnt, so ähnlich erreicht man nach dem Tod eine neue Stufe“).

Kounen bezeichnet seinen Film als „Reise tief ins Herzen Indiens“. Hieran könnten jedoch falsche Erwartungen geknüpft werden, denn dafür mangelt es dem Film an für die Vielfalt des Subkontinents stehenden Impressionen – von kurzen Stadtansichten, Besuchen am Ganges oder in Tempeln einmal abgesehen. Eher konzentriert sich „Darshan“ als erstes von weiteren von Kounen und seinem Produzenten Manuel de la Roche in der Serie „Another Reality“ geplanten Porträts über außergewöhnliche Menschen und unbekannte überlieferte Traditionen darauf, Amma auf ihren Reisen zu begleiten, sie und ihre Anhänger sowie das spirituelle hinduistische Umfeld zu zeigen.
Kounen gibt sich hier so bescheiden wie die Frau seines Films, die nicht diskutieren mag, weil sie weiß, dass es zu viele Standpunkte zu betrachten gäbe. Viel eher hält es Kounen da mit Ammas Bemerkung, dass die Menschheit Sklave einer äußeren, vom Geld bestimmten Welt ist, es jedoch vergessen hat, nach inneren Werten zu forschen. Diesen Weg von der inneren Welt, wie Amma sie meint, zur äußeren beschreibt Kameramann Sébastien Pentecouteau mit einem Blick durch einen dunklen Gang aus einem Meditationsraum hinaus. Dass Amma an ihrem 50. Geburtstag vor zwei Jahren in 21 Stunden 45.000 Menschen umarmte, ihren Ruf als die „Verkörperung der göttlichen Liebe“ untermauerte, das verleiht ihr durchaus die Aura einer spirituellen Führerin. Trotzdem wird, wer zum ersten Mal von dieser beeindruckenden Frau hört, eine gewisse Skepsis, zumindest Verwunderung nicht verleugnen können. Mit Kounens Porträt aber ist Interesse geweckt, mehr über das Leben einer einfachen Frau, die in selbstloser Absicht auch den Ärmsten der Armen Hoffnung macht, zu erfahren. Auf der Internetseite www.amma.de kann die Reise weiter gehen.

Thomas Volkmann