Der Duellist

Es fällt leicht bei Alexei Mizguirevs „Der Duellist“ an die russische Klassik zu denken, an große Romane, in denen von Eifersucht, Macht, Liebe und Blutrache die Rede ist, Geschichten beschrieben werden, die sich vor den prachtvollen Kulissen und Kostümen des Zarenhofs abspielten. Dementsprechend aus der Zeit gerückt wirkt dieser Film, voller Pathos, Gewalt und Macho-Attitüden, die dann doch auch ins zeitgenössische Russland zu passen scheinen.

Webseite: www.derduellist-film.de

OT: Duelyant
Russland 2016
Regie & Buch: Alexei Mizguirev
Darsteller: Pyotr Fyodorov, Vladimir Mashkov, Yuliya Khlynina, Pavel Tabakov, Franziska Petri, Sergei Garmash
Länge: 109 Minuten
Verleih:  Kinostar
Kinostart: 6. Juli 2017

FILMKRITIK:

Sankt Petersburg, 1860. Lange vor der Revolution wird das Reich vom Zar regiert, ist die feine Gesellschaft von Riten und Ritualen geprägt zu denen auch das Duell gehört. Denn nichts ist für den adeligen Russen dieser Zeit wichtiger, als sein Ruf, den schon die kleinste Beleidigung beschmutzt und der nur durch Blut rein gewaschen werden kann. Duelle sind also quasi an der Tagesordnung, doch auch dieses Ritual ist strengen Regeln unterworfen: Nur Vertreter des Adels dürfen sich duellieren, allerdings darf auch ein Ersatzmann antreten.
 
Hier kommt Yakovlev ins Spiel, ein ebenso gut aussehender wie kalter Mann, der scheinbar unverwundbar ist. Seit Monaten tritt er in der Stadt als Ersatzmann in Duellen an: Und gewinnt immer. Viel Geld verdient er mit seiner Gabe, mit seinem Todesmut, der daher rührt, dass er praktisch ein lebender Toter ist: Einst war Yakovlev ehrenwerter Teil der Gesellschaft und Mitglied de Armee, doch machte er den Fehler, sich mit dem mächtigen Graf Beklemishev anzulegen. Der sorgte dafür, das Yakovlev aus der Armee entlassen wurde, nahm ihm seinen Adelstitel und damit seine Ehre und schickte ihn auf die Aleuten. Dort überlebte Yakovlev schwer verwundet einen Kampf, wurde von Ureinwohnern der Insel gepflegt und mit einem magischen Schwur belegt, der ihn praktisch unverwundbar macht. Zurück in Sankt Petersburg versucht Yakovlev nun alles, um seine Ehre wiederherzustellen und sich an Graf Beklemishev zu rächen.
 
Neben dem anspruchsvollen Kino vom Schlage eines „Leviathan“ hat sich in Putins Russland eine beachtliche kommerzielle Filmindustrie entwickelt, deren Produkte jedoch fast nie in westlichen Kinos zu sehen sind. Was nicht wirklich überrascht, sind diese Filme doch in aller Regel von – vorsichtig ausgedrückt – schwieriger Ideologie geprägt. Was man allzu oft allerdings auch über Produkte aus Hollywood sagen kann, doch Pathos und Machoattitüden aus dem Westen kommen in Deutschland offenbar besser an, als solche aus dem Osten.
 
Und von altertümlicher Moral geprägt ist auch Alexei Mizguirev „Der Duellist“, in dem Frauen noch Frauen sind und Männer Männer. Will sagen: Frauen sind vor allem schöne Staffage, die in aufwändigen Kostüm am Rand stehen und mit bebendem Dekolletee beobachten, wie Männer in aufwändigem Kostüm um ihre Ehre besorgt sind. Großzügig betrachtet mag man in den verzwickten Verstrickungen von Yakovlev die existenziellen Fragen erahnen, die schon die großen russischen Romanciers des 19. Jahrhunderts umtrieb. Es hat auch gewissen altertümlichen Charme, schöne Menschen in prachtvollem Kostüm und aufwändiger Kulisse um die Ehre streiten und mit Kutschen durch den Petersburger Straßen fahren zu sehen, die vom scheinbar dauerhaften Regen ein einziger Morast sind. Immer wieder fragt man sich dann aber doch, was es über das gegenwärtige Russland aussagt, wenn heute ein Film gedreht wird, in dem von Ehre und Blutrache erzählt wird und in dem kaum etwas wichtiger ist, als der schöne Schein.
 
Michael Meyns