Die Wütenden – Les Misérables

Keine Neuverfilmung von Victor Hugos berühmten Roman ist Lady Lys Debütfilm „Les Misérables“, sondern eine wuchtige, wütende Parabel über das Verhältnis der Klassen im Paris der Gegenwart. Angesiedelt in einem vor allem von Migranten besiedelten Banlieue zeigt Ly die Strukturen der Gewalt auf und ist immer dann besonders überzeugend, wenn er fast dokumentarisch beobachtet und nicht narrativ überhöht.

Webseite: www.wildbunch-germany.de

Frankreich 2019
Regie: Ladj Ly
Buch: Ladj Ly, Giordano Gederlini, Alexis Maneti
Darsteller: Damien Bonnard, Alexis Manenti, Djibril Zonga, Issa Perica, Al-Hassan Ly, Steve Tientcheu, Almamy Kanoute
Länge: 102 Minuten
Verleih: Wild Bunch / Alamode / Central
Kinostart: 23. Januar 2020

FILMKRITIK:

Im Osten von Paris liegt das Viertel Montfermeil und in ihm das Banlieue Les Bosquets, in dem vor allem Migranten aus dem Maghreb und arabischen Ländern leben. Beherrscht wird das Viertel von einem Mann, der sich „Der Bürgermeister“ (Steve Tientcheu) nennt, der den Händlern auf dem Marktplatz Schutzgebühren abpresst und den Kontakt zur Polizei herstellt.
 
Die bewegen sich nur mit größter Vorsicht durch das Viertel, versuchen kaum, den Anschein von Legalität zu erwecken und betrachten die Bewohner mit Argusaugen. Vor allem Chris (Alexis Manenti), ein unverhohlener Rassist, der seine Macht gern ausnutzt, um junge Frauen zu kontrollieren und abzutasten. Seine Partner sind Gwada (Djibril Zonga), der die übelsten Exzesse seiner Kollegen einzudämmen versucht, vor allem aber Stéphane (Damien Bonnard), ein Neuling, der an diesem Tag zum ersten Mal mit auf Streife fährt. Schnell begreift er wie der Hase läuft, dass man im Zweifelsfall lieber der Kollegen deckt, als die Wahrheit zu sagen.
 
Ausgerechnet Stéphane ist es nun, der bei einem Einsatz einen jungen Schwarzen mit einer Gaspistole verwundet, nicht tödlich, aber doch so sehr, dass die Wut im Viertel gefährlich zu köcheln beginnt. Der reformierte Araber Salah (Almany Kanouté) bemüht sich zwar in seinem Dönerladen, die Situation zu deeskalieren, doch gerade die jungen Bewohner der Banlieue haben längst genug davon, zwischen den Stühlen Polizei, Islamisten und Korruption zu leben.
 
Mit Bildern von jubelnden Parisern, die den WM-Sieg ihrer Mannschaft auf den Straßen der Hauptstadt feiern beginnt „Les Misérables“, mit Bildern von jungen Bewohnern der Banlieue, die gemeinsam in den Kampf ziehen, endet er. Dazwischen beschreibt der aus Mali stammende Ladj Ly die Strukturen eines Viertels, in dem er selber aufwuchs und in dem vor gut zehn Jahren die Gewalt ausbrach. Schon in einem Kurzfilm hatte er davon erzählt, nun also eine lange Version, die sich einer holprigen Dramaturgie bedient und vor allem durch ihre Wucht und ihre semi-dokumentarischen Qualitäten überzeugt.
 
Durch die Augen des Polizisten Stéphane lernt auch der Zuschauer das Banlieue kennen, seine Bewohner, das Verhältnis von Polizei und Einwohnern, die Machtstrukturen, die von Misstrauen, Machtmissbrauch und Korruption geprägte Lage, die unweigerlich eskalieren wird. Unweigerlich mag man hier an Mathieu Kassovitz „Hass“ denken, der vor gut 20 Jahren ein ähnliches Feld bearbeitete und ähnlich wuchtig daherkam. Viel geändert hat sich an der Situation der Banlieue-Bewohner seitdem augenscheinlich kaum, höchstens der Islamismus ist gewachsen, der die Situation noch komplizierter, noch verfahrener macht.
 
So verwundert es nicht, dass sich Ly ein wenig in der Beschreibung eines Zustandes ergeht, weniger eine Geschichte erzählt, als in oft dokumentarisch anmutenden Breitwandbildern zeigt, was ist. Dass das nicht frei von Klischees ist, liegt auf der Hand, dass das in der erwartbaren Erkenntnis endet, dass die Ausweglosigkeit der Situation in einen Ausbruch der Gewalt führt, überrascht ebenso wenig. Als soziologische Studie über die schwierigen Strukturen eines Pariser Banlieues ist das etwas dünn, als wuchtiges, engagiertes Pamphlet jedoch von großer Kraft.
 
Michael Meyns