Dunkel, fast Nacht – Ciemno, prawie noc

Eine Serie mysteriöser Entführungen, unbewältigte Kindheitserlebnisse, märchenhafte Sagen, Surreales und eine von Zukunftsangst und Vorurteilen geprägte Gesellschaft: Es sind grundverschiedene Themen und Inhalte, der sich die polnische Autorin Joanna Bator in ihrem Roman „Dunkel, fast Nacht“ widmete. Borys Lankosz versucht mit seiner Verfilmung, all dies kohärent zusammenzuführen. Ein vielschichtiger aber ebenso herausfordernder Film.

Webseite: www.camino-film.com

Polen 2019
Regie: Borys Lankosz
Drehbuch: Borys Lankosz, Magdalena Lankosz
Darsteller: Magdalena Cielecka, Rafal Mackowiak, Modest Rucinski, Marcin Dorocinski
Länge: 111 Minuten
Kinoevent am 07. + 08. Juli 2019
polnisches Original mit deutschen Untertiteln
Verleih: Camino

FILMKRITIK:

Nach jahrelanger Abwesenheit kehrt die Reporterin Alicja Tabor (Magdalena Cielecka) in ihre polnische Heimat zurück. Die Stadt ist in Aufruhr, denn in jüngster Zeit sind mehrere Kinder entführt worden. Alicja will mit ihren Ermittlungen dabei helfen, die Verbrechen aufzuklären. Was sich jedoch als schwierig erweist: Denn ihre Recherchen und Befragungen machen die Bewohner wütend und befeuern die Gerüchte. Die Verdächtigungen und Schuldzuweisungen richten sich zunehmend gegen die Zigeuner, die von den Bewohnern abfällig nur „Katzenfresser“ genannt werden. Je länger sich die Journalistin an dem Ort aufhält, desto gefährlicher wird es für alle Beteiligten – spätestens als Alicja auf eine geheimnisvolle Spur stößt, die viele Jahre in die Vergangenheit zurückreicht.

„Dunkel, fast Nacht“ beruht auf einem 2012 erschienenen Roman der Publizistin und Hochschuldozentin Joanna Bator. 2009 gelang ihr mit „Sandberg“ der internationale Durchbruch. Die 51-Jährige zählt nicht nur zu den renommiertesten Schriftstellerinnen ihrer Heimat sondern zu den wichtigsten Stimmen der europäischen Literatur insgesamt. Vor ihrer schriftstellerischen Tätigkeit arbeitete sie für einige polnische Zeitungen und Zeitschriften.

Regisseur Borys Lankosz entführt den Zuschauer an einen trostlosen, von wirtschaftlichem Niedergang geprägten Ort mitten in Niederschlesien, nach Waldenburg (Schlesisch: Walbrzych). Bis Anfang der 90er-Jahre das Zentrum des niederschlesischen Stein-kohlereviers, kämpfen die Stadt und viele ihrer Bewohner zunehmend ums (wirtschaftliche) Überleben. Die Menschen, auf die Alicja trifft, sind geprägt von kleinstädtischer Engstirnig- und Spießigkeit sowie von reaktionären Ansichten. Überall trifft sie auf Hass und – im Hinblick auf die Verbrechen an den Kindern – krude Verschwörungstheorien. Diese schaurige Atmosphäre einer um sich greifenden Feindseligkeit macht von Beginn einen großen Reiz des Films aus.

Reizvoll ist zudem die Verschränkung der unterschiedlichen Zeitebenen, die Lankosz immer wieder bewusst und zielgerichtet einsetzt. Denn „Dunkel, fast Nacht“ ist weit mehr als „nur“ ein Kriminalfilm mit hohem Suspense-Faktor. Es geht letztlich vor allem um die Verarbeitung der eigenen Traumata und damit um radikale Vergangenheitsbewältigung. Klug in die Handlung verwobene Flashbacks zeigen, was der resolut und unterkühlt auftretenden Hauptfigur, die zudem bindungsunfähig ist, in ihrer Kindheit angetan wurde. Zurück bleiben Narben an Körper und Seele, die niemals heilen werden.

„Dunkel, fast Nacht“ ist daher ebenso ein packendes Familien-Drama. Und: ein mythisch angehauchtes Epochen-Porträt. Denn Bator liebt es, in ihre Romane Verweise auf die ereignisreiche und wechselhafte Geschichte Polens einzubauen. In diesem Fall sind es Rückblicke auf die Verbrechen der SS, der Einzug der Sowjets in Waldenburg nach Kriegsende, Hinweise auf einen mythenumrankten Perlenschatz sowie eine sagenumwobene Legende um ein – tatsächlich existierendes – Schloss nahe der Stadt. Dies alles findet sich auch im Film wieder, was gelegentlich zu Anflügen inhaltlicher Überfrachtung führt.

„Dunkel, fast Nacht“ ist darüber hinaus ein Film, der vom Zuschauer höchste Aufmerksamkeit und Konzentration einfordert. Denn es treten einige Nebenfiguren auf, darunter ein väterlicher Freund sowie ein alter Bekannter von Alicja, deren Vergangenheit ebenso aufgearbeitet werden – wiederum mit Hilfe von Rückblenden. Alles scheint miteinander in Verbindung und mit Alicias eigener Familiengeschichte in Zusammenhang zu stehen. Es gibt Momente im Film, an denen man den Überblick über die jeweils aktuelle Zeitebene verliert und nicht weiß, in wessen Vergangenheit bzw. Lebensgeschichte man sich gerade befindet.

Björn Schneider