Gabrielle – Liebe meines Lebens

Frankreich/Italien 2005
Regie: Patrice Chéreau
Buch: Patrice Chéreau und Anne-Louise Trividic nach der Kurzgeschichte « Die Rückkehr » von Joseph Conrad
Musik: Fabio Vacchi
Kamera: Eric Gautier
Schnitt: Francois Gedigier
Darsteller: Isabelle Huppert, Pascal Greggory, Claudia Coli, Thierry Hancisse
Länge: 90 Minuten
Verleih: Concorde
Starttermin: 12.1.2006

Isabelle Huppert und Pascal Greggory spielen Gabrielle und Jean Hervey, ein entfremdetes Ehepaar zu Beginn des 20. Jahrhunderts, das sich nach zehn Jahren Ehe zum allerersten Mal die ganze bittere Wahrheit ins Gesicht sagt. In geschliffenen Dialogen und einer ausgefeilt minimalistischen Inszenierung seziert Pascal Chéreau die Tragik und Unumkehrbarkeit jahrelangen Nicht-Redens und Nicht-Fühlens.

Jean (Pascal Greggory), ein glatter, gutaussehender Großbürger Anfang des 20. Jahrhunderts, geht durch die Strassen von Paris und erzählt, wie er sich seinerzeit in Gabrielle (Isabelle Huppert) verliebt hat. Oder vielmehr, wie er sie entdeckt und erworben hat und sie das kostbarste Stück seiner Sammlung wurde. Noch immer ist er glücklich über seinen Fund. Schön, kühl und geistreich gibt Gabrielle seit zehn Jahren die professionelle Muster-Ehefrau an der Seite des professionellen Muster-Ehemanns. Souverän und vorbildlich meistert das Musterpaar das öffentliche Eheleben, das sich zwischen Dinnerparties in ausgewähltem Kreise und den unzähligen Bediensteten eines großbürgerlichen Haushalts abspielt. Ein Privatleben findet nicht statt.

Als Jean nach dem Spaziergang zuhause ankommt, zerbricht diese heile Fassaden-Welt schlagartig. Auf dem Spiegelschränkchen findet sich ein Brief von Gabrielle. Sie teilt ihm mit, dass sie ihn für einen anderen Mann verlassen hat. Noch bevor Jean diese Ungeheuerlichkeit begriffen hat, hört man die Türklingel. Gabrielle ist zurückgekehrt – die trügerische Harmonie jedoch ist endgültig vorüber.

Nach der Kurzgeschichte "The Return" von Joseph Conrad hat Patrice Chéreau ein eindringliches Kammerspiel über ein Paar inszeniert, das zum ersten Mal in einer zehnjährigen Beziehung wirklich miteinander redet. Von Mittwoch Nachmittag bis Donnerstag Nacht erzählen sie einander und sich selbst, was sie in Wahrheit bewegt. Dabei wahren Jean und Gabrielle auch noch bei den bittersten Anschuldigungen und brutalsten Offenbarungen die Formen des bürgerlichen Anstands. Die Sprache ist geschliffen und voller Höflichkeitsfloskeln, das formale Sie wird beibehalten, die Rituale des Alltags – Umkleiden, Essen, Dinnerparty – werden mit gradem Rückgrat absolviert. Unter den Augen von Bediensteten und Gästen, die immer und überall zugegen sind, stoßen sich Isabelle Huppert und Pascal Greggory mit kalter Grausamkeit formvollendete Sätze ins Herz.

Ebenso präzise manieriert wie die Sprache ist die Inszenierung von „Gabrielle“. In der strikten Einheit von Zeit, Ort und Handlung, der Choreographie der Auf- und Abtritte und der pointierten Dialogregie ist Chéreaus Herkunft vom Theater deutlich zu merken. Zugleich spielt er mit Versatzstücken des frühen (für den Zeitraum, in dem der Film spielt, also des zeitgenössischen) Kinos, unterbricht die Handlung immer wieder mit graphisch gestalteten Texttafeln, wechselt von Schwarz-Weiß zu Farbe, und erlaubt sich gelegentlich eine Großaufnahme von Isabelle Huppert und ihrem traurigen Bäffchen.

Angesichts der formellen Rigorosität, die schon Chéreaus „Son frère – Sein Bruder“ auszeichnete, polarisierte „Gabrielle – Liebe meines Lebens“ in Hof das Publikum. Während die einen in Chéreaus Inszenierung vor allem altmodisch verfilmtes Theater sahen, entdeckten die anderen, darunter auch die Autorin, ein kompromissloses Stück Kino, das die historischen Zwänge gesellschaftlicher Konventionen ebenso einfängt, wie es Bilder für ein paar zeitlose Wahrheiten über Liebe und Beziehungen findet.

Hendrike Bake