Get Me Some Hair!

Haare als politisches Statement, das war und ist gerade bei schwarzen Amerikanern ein wichtiges Thema. Und auch die Jamaikanerin Antoinette Berthel, die im Mittelpunkt der Dokumentation „Get me some Hair!“ steht, denkt viel und intensiv über ihren Kopfschmuck nach. Dabei hat sie ihr Mann, der Regisseur und Kameramann Lars Barthel über Jahre beobachtet und einen sehr persönlichen Film gedreht.

Webseite: sabcat.media

Dokumentation
Deutschland 2018
Regie: Lars Barthel
Co-Regie: Marian Kiss
Länge: 81 Minuten
Verleih: Koberstein Film / Sabcat Media
Kinostart: 16. Mai 2019

FILMKRITIK:

„Get me some Hair down there“ hat Antoinette Barthel ihrem Ehemann Lars mit auf dem Weg gegeben, als dieser wieder einmal auf dem Weg nach Burma war. Dort in der Hauptstadt Myanmar unterrichtet Lars Barthel an der einzigen Filmhochschule des Landes Kamera. Vor Ort kennt er aber auch die umtriebige Burmesin Aunty Mary, eine ältere Dame, die ihm dabei hilft, den Wunsch seiner Frau zu erfüllen.
 
Denn auch wenn Lars Barthel das kurze, krause Haar seiner langjährigen Lebensgefährtin liebt: Antoinette Barthel sieht das ganz anders. Wie so viele Frauen aus Jamaika ist sie unzufrieden mit ihrem Haar, mit den besonderen Eigenschaften des krausen Haarschopfs, den sie nicht zu bändigen findet. „Nigger hair“ nennt sie ihre Haare einmal, und bedient sich wie die allermeisten Frauen auf Jamaika den unterschiedlichsten Methoden, andere Haare zu besitzen. Perücken sind das, vor allem aber Haarergänzungen aus teurem, echtem oder billigerem Kunsthaar. In aufwändigen, stundenlangen Prozessen werden diese Extensions mit dem eigenen Haar verwebt und verändert nicht nur das Aussehen der Trägerin oft grundlegend, sondern fast auch die Identität.
 
Und diese Frage ist loser roter Faden einer Dokumentation, für die Barthel jahrelang Material gedreht hat, allerdings vor allen an den drei Orten, an denen er aus privaten und beruflichen Gründen ohnehin die meiste Zeit verbringt: Jamaika, Burma und Berlin. Die vielfältigen Fragen, die sich aus dem Thema ergeben, gerade auch die Geschichte der krausen Haare der schwarzen Bevölkerung Amerikas und der Inseln wie Jamaika, auf denen in den Jahrhunderten des Sklavenhandels Farbige als Sklaven aus Afrika landeten, werden kaum mehr als gestreift. Welche politische Aussage es etwa für die Schwarzen Amerikas hatte, als sie begannen, ihre Haare nicht mehr zu glätten, sondern voller Stolz ihren Afro zu präsentieren, kann man nur erahnen.
 
Weniger analytisch oder wirklich dokumentarisch genau ist Lars Barthels Film, als eine persönliche Hommage an die Frau, mit der er seit langem sein Leben verbringt, deren Besessenheit mit ihren eigenen und ständig wechselnden falschen Haaren er aber scheinbar doch nur im Ansatz nachvollziehen kann.
 
Eine umfassendere Darstellung des ebenso breiten wie spannenden Feldes der Haare als politische Aussage bietet „Get me some Hair!“ so zwar nicht. Aber er bietet interessante Einblicke in die Kulturen Jamaikas und Burma, zeigt wie die Menschen in beiden Ländern eine Nische im globalen Markt besetzen und sich den Strukturen von Angebot und Nachfrage anpassen.
 
Michael Meyns