Holy Spirit

Ein unbekannter Niederbayer wird als Jesus-Darsteller für eine Whiskymarke entdeckt, steigt zum Medienstar auf und findet sich schließlich in einem mysteriösen Mordfall wieder. Die skurrile Handlung von „Holy Spirit“ gibt bereits den unkonventionellen Tonfall des stilistisch ebenso reißerisch wie schrill umgesetzten Films vor. Der Mix aus beißender Medien-Kritik, Thriller, zynischer Komödie und Heimatfilm schlägt hier und da über die Stränge, arbeitet mit seiner satirischen Verzerrung und überzeichneten Darstellung jedoch gekonnt die Oberflächlichkeit und Verlogenheit einzelner Branchen und Gesellschaftsschichten heraus.

Webseite: www.holy-spirit-der-film.de

Deutschland 2019
Regie & Drehbuch: Mike Baran
Darsteller: Tom Schuster, Stefanie Mendoni, Michael Foerster, Johannes Glocke
Länge: 97 Minuten
Kinostart: 19.12.2019
Verleih: Don't tell mama e.V.

FILMKRITIK:

Für die Markteinführung einer neuen bayerischen Whiskeymarke muss sich Harry Sandmann (Michael Foerster), Leiter einer in München ansässigen PR-Agentur, etwas Besonderes einfallen lassen. Da trifft es sich gut, dass er eines Tages in der bayerischen Provinz zufällig einen Mann entdeckt, der Jesus zum Verwechseln ähnlich sieht. Für den Werbeprofi erweist sich das Zusammentreffen als Schicksalsbegegnung, die all seine Probleme lösen könnte. Denn er plant, den charismatischen Mann, bei dem es sich um den Schreiner-Sohn Gustl (Tom Schuster) handelt, zur populären Markenfigur aufzubauen.

Mehr noch: Der Whiskey soll „Holy Spirit“ heißen und die groß angelegte, voll auf Gustl zugeschnittene Werbekampagne ein neues bayerisches Trend-Getränk begründen. Und  tatsächlich wird Gustl innerhalb kürzester Zeit zum „It-Boy“. Die Verkaufszahlen der Spirituose steigen sprunghaft an. Zu dumm, dass Gustl kurz darauf in einem bestialischen Mordfall als Hauptverdächtiger gilt. Ist „Jesus“ wirklich zum Morden im Stande?

Mike Baran entführt in seiner bitterbösen Satire in die oberflächliche Marketing- und Medienwelt, die von bizarren Protagonisten und schrägen Vögeln bevölkert wird. Einer von ihnen: der dauergestresste und stets unter beruflichem Erfolgsdruck stehende Werbemanager Sandmann, spielfreudig verkörpert von Michael Forster. Durch die Art und Weise, wie Sandmann einem unbedeutenden, unbekannten jungen Mann vom Lande zum Erfolg verhilft und wie dieser in Windeseile zur Werbe-Ikone und zum Star aufsteigt, verweist „Holy Spirit“ augenzwinkernd auf die manipulative, gewinnorientierte Seite von Medien und der Werbebranche. Und auf deren Schnelllebigkeit. Denn ebenso rasant wie der zwar etwas naive aber dennoch grundsympathische Gustl als Jesus Berühmtheit erlangte, ist sein Stern genauso schnell wieder im Begriff zu fallen. Die 15 Minuten Ruhm gelten nun einmal auch für zentrale Figuren des christlichen Glaubens.

Apropos Glaube: Genüsslich spielt Baran wiederholt mit religiösen bzw. vielmehr christlichen Symbolen und Motiven, zweckentfremdet diese oder verweist subtil auf wichtige Personen und Ereignisse der biblischen Geschichte. Vor allem in der ersten Hälfte des Films und während jener anspielungsreicher, doppeldeutiger Szenen, die die Produktion eines TV-Spots zeigen. Doch „Religion“ ist bei Weitem nicht das einzige Thema, dessen sich „Holy Spirit“ genüsslich – und bewusst überspitzt – annimmt.

Es geht um die Scheinheilig- und Prinzipienlosigkeit des sich anbiedernden (bayerischen) Polit-Betriebs, ebenso arglistige wie verlogene Kirchenvertreter, die selbstverliebte Münchener Bussi-Bussi-Gesellschaft und die Auflagen-Geilheit der berüchtigten Boulevardpresse. Der sich gerade in den geschliffenen, spitzzüngigen Dialogen manifestierende Humor kommt dabei nie zu kurz. Und auf einen herrlich abgedrehten Gastauftritt eines bayerischen Schauspiel-Schwergewichts darf sich der Zuschauer darüber hinaus freuen. Durch den rätselhaften Mordfall und die daran anschließende Hetzjagd auf Gustl alias Jesus erhält der Film zudem ein gelungenes dramatisches, spannungserzeugendes Element.

„Holy Spirit“ richtet sich bei alledem an ein Publikum, das sich von einer lauten und schrillen Inszenierung nicht abschrecken lässt. Denn in Sachen stilistischer sowie optischer und akustischer Umsetzung setzt Baran auf exzentrische, streckenweise hysterische Töne. Die musikalische Untermalung (von zünftiger Blasmusik bis hin zu bluesigen Klängen) ist omnipräsent und wird als dominantes Element zu oft in den Vordergrund gerückt. Unnötig erscheint zudem der inflationäre Gebraucht des Zeitraffers. Eine der größten Herausforderungen als Kinobesucher besteht darin, eine passende Identifikationsfigur zu finden. Eine Figur, mit der man mitfühlt und für die man Sympathien entwickelt. Dies erweist sich bei all den schwer zu durchschauenden, zwielichtigen Personen mit ihren uneindeutigen Charakterzügen und teils ambivalenten Verhaltensweisen als ziemlich schwer.

Björn Schneider