Ich und Du und alle, die wir kennen

Me And You And Everyone We Know
USA 2005
Regie: Miranda July
Buch: Miranda July
Darsteller: John Hawkes (Richard Swersey), Miranda July (Christine Jesperson), Brad William Henke (Andrew), Ellen Geer (Ellen), Jordan Potter (Shamus), Brandon Ratcliff (Robby), Miles Thompson (Peter),  Jason R. Rice (Chad), Carlie Westermann (Sylvie), Natasha Slayton (Heather), Najarra Townsend (Rebecca)
Kamera: Chuy Chavez
Schnitt: Andrew Dickler / Charles Ireland
Produzent: Gina Kwon
Ausführende Produzenten: Jonathan Sehring / Caroline Kaplan, Holly Becker, Illiana Ninkolic
Länge: 91 Min.
Verleih: Alamode
Kinostart: 23.2.

"Obschönitäten (sic!) und Wunder" hätte dieses kleine Meisterwerk auch heißen können. Oder einfach: "Unglaublich!" Der erstaunlich vielseitigen, 1974 geborenen amerikanischen Künstlerin Miranda July gelang mit ihrem ersten Spielfilm "Me And You …" ein vielseitig schillerndes Gebilde kreativer Ideen und anrührender Momente.

Wann hat man im Kino schon mal um das Leben eines Goldfischs gebangt? (Ok – Pixars "Findet Nemo" zählt jetzt nicht.) Christine fährt gerade wieder mit ihrem Senioren-Taxi durch die Stadt und beobachtet, wie ein nachlässiger Vater das Tierchen im Plastikbeutel auf dem Dach seines Wagens vergisst. Mitten im fließenden Verkehr versucht Christine nun, durch gleichmäßige Geschwindigkeit den Fisch zu retten. Nicht ohne ihm vorher in einem Gebet versichert zu haben, dass er in seinen letzten Minuten geliebt wurde.

Dies lächerlich kleine, wunderbare Drama ist nur einer der zahlreichen ganz eigenen, ganz besonderen Momente, dieses gleichzeitig verträumten und doch kristall-klaren Films. Protagonistin ist die Regisseurin selbst in der Rolle Christines, einer Künstlerin, die Urlaubsfotos mit unterschiedlichen Rollen und dem Rauschen des Fernsehers vertont. Diese Videokunst der unscheinbaren, stillen, in rosa Tönen gestreiften Frau kommt bei zynischen, in schwarz gewandten Galeristinnen selbstverständlich nicht an. Ihre Begegnung mit dem philosophischen Schuhverkäufer Richard (John Hawkes) inspiriert Christine zu einer wunderschön kreativen und verspielten Romantik.

Neben dieser Begegnung fesseln noch vier andere, ebenso ungewöhnliche Beziehungen, die auch – sicherlich in den USA – provokanten Aspekte des Sexuellen enthalten. "3D and Touch in the Digital" (3D und Berührung im Digitalen Zeitalter) lautet der Titel einer Ausstellung im Film und könnte auch helfen, dem unerhört freudigen und herzerwärmenden Geschehen einen abstrakteren Sinn abzugewinnen. Besonders eindrücklich der Internet-Chat der beiden Söhne von Richard: Peter, klärt den kleinen Robby auf, dass die Frage nach den Brüsten herausbringt, ob ein Mann oder eine Frau an der anderen Seite in die Tasten hackt. Dann kommt der circa 7-Jährige mit einem analen Vorschlag, der selbst jemanden überrascht, der Prüderie nur als Variante beim Rollenspiel kennt. (Hier besteht eine entfernte Verwandtschaft zum Multi-Schauspieler-Kunststück "Palindrome" von Todd Solondz.)

Dass dies völlig selbstverständlich und natürlich wirkt, dass sich aus diesem scheinbaren Gag ein Chat-Kontakt fortentwickelt und es sogar zu einer atemberaubend unmöglichen Begegnung kommt, kann "Me And You …" erneut auf der Seite seiner Wunder verbuchen. Dabei ist all dies den Ideen und dem Inszenierungstalent von Miranda July zuschreiben. "Me And You …" wurde mit angenehm geringem Budget einfach inszeniert. Wohltuend auch die weitgehende Abwesenheit von Zynismus in den Figuren und überbetonter Angst in der Dramatik. Die weitgehend unbekannten Darsteller dürfen dadurch ihr Können voll ausspielen, vor allem John Hawkes als allein erziehender Romantiker Richard beeindruckt nachhaltig. Die einzigen speziellen Effekte sind die täuschenden Illusionen von Realitätsbildern, der Kunst von Christine verwandt.

Neben faszinierend schrägen Erwachsenen- und Kinder-Figuren erlaubt sich Miranda July auch treffende Seitenhiebe auf den Kunstbetrieb. Sie macht klar, wo naturalistische Bilder von Vögel hingehören: In Bäume! Kommunikation wäre ein durchgehendes Thema, wenn man so ein leichtes Kunstwerk mit etwas garstigem, gewöhnlichen wie Themen belasten will. Man chatet, verständigt sich über Videos, fabriziert die uralte Kunstform der ASCII-Code-Bildchen und ein Bilderrahmen übernimmt den Job, "Ich liebe dich" zu sagen.

Miranda July zeigt sich bei den mittlerweile zahlreichen Auftritten und Preisverleihungen (Goldene Kamera in Cannes 2005, Jury-Preis in Sundance 2005, Publikumspreis in Newport 2005) als eine – ganz wie im Film – schüchtern wirkende Frau, die ganz selbstverständlich in der Literatur, mit Performances und Romanen jongliert, die Kraft der Kreativität spielerisch vorführt. Dabei besticht vor allem ihr Einfühlvermögen in Menschen, Tiere und sogar Ruinen.

Und "Me And You …" erspart uns die selbstverständlich gewordenen Dramaturgien, die irgendeine Maschine in Hollywood "vorschreibt". Gerade erfuhren wir in einem magischen Highlight, wie und weshalb die Sonne jeden morgen aufgeht, dann ist der Film zu Ende, man wundert sich und es ist unendlich schade. Denn davon könnte man viel mehr gebrauchen. Frischer Wind für das Programmkino halt.