Karneval! – Wir sind positiv bekloppt

Als „Fünfte Jahreszeit“ ist der Karneval in Köln auch bekannt, was einen kleinen Eindruck von der Bedeutung der Festivitäten für die Domstadt gibt. Dass diese nicht nur auf die Tage vor Aschermittwoch beschränkt ist, zeigt Claus Wischmann in seiner Dokumentation „Karneval! Wir sind positiv bekloppt“, die einige Protagonisten des Karnevals bei Vorbereitungen und Feiern beobachtet.

Webseite: www.karneval.wfilm.de

Deutschland 2013
Regie, Buch: Claus Wischmann
Dokumentation
Länge: 94 Minuten
Verleih: wfilm
Kinostart: 6. November 2014

FILMKRITIK:

Jedes Jahr, meist im Februar, manchmal auch erst im März, steht Köln für sechs Tage ganz im Zeichen des Karnevals. Die jecke Zeit, wie es auf Kölsch heißt macht ein normales Arbeitsleben praktisch unmöglich, es wird gesungen, getanzt, gefeiert und sehr viel Kölsch (des Kölners liebste alkoholische Erfrischung) getrunken.
 
Doch die Vorbereitungen auf den nächsten Karneval beginnen oft schon ein Jahr im voraus. Die 82jährige Tanzlehrerin Biggi etwa trainiert sowohl männliche als auch weibliche Tanzgruppen, bringt jungen wie alten Karnevalisten das Grundgerüst und auch mal mehr bei, um auf den zahllosen Veranstaltungen der Session eine gute Figur zu machen.
 
Ähnlich eifrig trainiert der Teenager Tobias, der Büttenredner werden will (so bezeichnet man das Vortragen einer launigen Rede, möglichst lustig und mit satirischen Anspielungen), doch oft ist er noch zu nervös und überhastet. Zudem macht ihm die Trennung seiner Eltern, die hohen Anforderungen und sein nicht immer ausgeprägter Lernwille zu schaffen.
 
Zu diesen Protagonisten gesellen sich ein Justizvollzugsangestellte, der auf der Straße immer wieder ehemalige „Klienten“ trifft und viele seiner Gags von Gefangenen gehört hat. Dazu der 9jährige Sänger Stephan, der während der Session, die jedes Jahr am elften November, um 11.11 Uhr beginnt, diverse Auftritte hat, zu denen er wie ein kleiner Profi fährt, außerdem ein Ehepaar, das eine bekannte Kneipe betreibt, und schließlich Helmut, der in einem großen Geschäft für Karnevalsmode arbeitet und mit geschultem Auge jedem Kunden das zu ihm oder ihr passende Kostüm empfiehlt.
 
Interessante Protagonisten hat sich Claus Wischmann (der vor allem für seine Dokumentation „Kinshasa Symphony“ bekannt ist) fraglos ausgesucht. Ein umfassendes Bild des Kölner Karnevals liefern sie jedoch keinesfalls ab, zumal Wischmann auf jegliche soziologische Einordnung, auf historische Entwicklungen oder sonstige Aspekte verzichtet, die über seine Protagonisten hinausgehen. Erklärungen zu den Besonderheiten des Kölner Karnevals, etwa der Wahl des so genannten Dreigestirns, bestehend aus Prinz, Bauer und Jungfrau, die für die jeweilige Session offizielle Regenten des Karnevals sind, der rituellen Verbrennung des so genannten Nubbels in der Nacht auf Aschermittwoch, sucht man ebenso vergeblich. Die entsprechenden Bilder bleiben unkommentiert und müssen dem Karnevalsunkundigen Rätsel aufgeben.
 
Menschen aus Köln und dem Rheinland brauchen solche Erklärungen nicht, sie verstehen zudem auch den kölschen Dialekt, der dem nur des hochdeutschen Mächtigen ansonsten manches Rätsel aufgibt. Den Kölner Karneval für den Außenstehenden als kulturelles Phänomen verstehbar zu machen, gelingt Claus Wischmann daher nicht. Was „Karneval! Wir sind positiv bekloppt“ letztlich zu einem Film macht, der vor allem für Kölner und Rheinländer sehenswert ist und die Begeisterung für die fünfte Jahreszeit anhand von gut ausgewählten Protagonisten spürbar deutlich macht.
 
Michael Meyns