Kids Run

Unweigerlich muss man bei „Kid’s Run“, dem Debütfilm von Barbara Ott, der in diesem Jahr Eröffnungsfilm der Perspektive Deutsches Kino war, an den deutschen Erfolgsfilm des letzten Jahres „Systemsprenger“ denken. Hier sind es zwar nicht die Kinder, die Probleme machen, sondern der von Jannis Niewöhner gespielte Vater, doch Ott stürzt sich mit ähnlichem Verve in eine disfunktionale Welt.

Website: www.farbfilm-verleih.de

Deutschland 2019
Regie & Buch: Barbara Ott
Darsteller: Jannis Niewöhner, Lena Tronina, Eline Doenst, Giuseppe Bonvissuto, Sascha Gersak, Carol Schuler
Länge: 104 Minuten
Verleih: Farbfilm
Kinostart: 26. November 2020

FILMKRITIK:

Anfangs wundert man sich über die Konstellation: Nicht eine Mutter allein mit zwei, drei Kinder steht im Mittelpunkt von Barbara Otts“ Kid’s Run“, sondern ein Vater. Andi (Jannis Niewöhner), Ende 20, gescheiterter Boxer, eigentlich in allem gescheitert, außer als Vater. Alleine zieht er seine beiden älteren Kinder groß, Nikki (Eline Doenst) und Ronny (Giuseppe Bonvissuto), alt genug, um zur Schule zu gehen und gezwungen, mehr auf sich selbst aufzupassen als für acht, neunjährige Kinder gut ist.

Oft komplettiert auch noch das Baby Fiou (Sophie Demer) die Kleinfamilie, die Andi ebenfalls über alles liebt. Ihre Mutter Sonja (Lena Tronina) hat Andi verlassen, für einen Typen, den sie nicht wirklich liebt, der aber deutlich zuverlässiger ist als Andi. Was allerdings auch nicht besonders schwer ist, denn Andi meint es zwar immer wieder gut, schafft es aber auch immer wieder, sich, seinen Freunden, eigentlich allen, die mit ihm zu tun haben, Schwierigkeiten zu bereiten.

Früher hat Andi versucht, als Boxer Karriere zu machen, mit ein paar Kämpfen das schnelle Geld zu verdienen, doch spätestens nach einem Schädelbasisbruch war dieser Traum ausgeträumt. Akute Geldnöte bringen ihn nun aber dazu, es noch einmal zu versuchen: Bei einem Amateurkampf-Abend gibt es 5000 Euro zu gewinnen. Nicht die Welt, aber für Andi doch genug, seine Gesundheit aufs Spiel zu setzen.

Schon in ihrem vielfach ausgezeichneten Kurzfilm „Sunny“ hatte Barbara Ott einen Vater dabei beobachtet, der kaum etwas auf die Reihe bekommt, aber alles für seine Kinder tut. Deutlich von den belgischen Sozialrealisten Luc & Jean-Pierre Dardenne inspiriert verfolgte sie mit der Handkamera ihre Hauptfigur, oft von hinten, die ständige Dynamik betonend, das Suchen nach Geld, nach Entwicklung im Leben.

„Kid’s Run“ baut dieses Thema nun aus, dehnt es auf abendfüllende Länge und erinnert dabei in mancherlei Hinsicht an einen umgekehrten „Systemsprenger.“ Dort war es das Mädchen Benni, dass nicht zu bändigen war, hier ist es ein Erwachsener, der von einem gebrochenen Versprechen zum nächsten lebt, von einer falschen Hoffnung zur nächsten Illusion. Viel zu viele Bälle versucht Andi zu jonglieren, will seinen Kindern ein guter Vater sein, will seinen Job nicht verlieren, nebenbei auch noch seine Ex-Freundin davon überzeugen, dass er der Richtige ist.

Was er in vielerlei Hinsicht auch ist. Denn im Gegensatz zu den Müttern seiner Kinder – weniger Sonja, aber vor allem der psychisch kranken Isabell (Carol Schuler), der Mutter der älteren – liebt er seine Kinder unbedingt und würde alles für sie tun. Nur ist dieses alles meist unüberlegt und kontraproduktiv.

Mit großer Konsequenz erzählt Barbara Ott diese Geschichte, zeigt Andis immer ausweglosere Versuche, seinem Leben eine Wende zu geben und verzichtet auch auf ein allzu glattes Happy End. Kleine Momente der Selbsterkenntnis deutet sie am Ende zwar an, doch ob es mit Andi und seinen Kindern bald besser gehen wird, das darf man bezweifeln

Michael Meyns