La Chimera

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Was hätte Orpheus, der seiner toten Eurydike bis in die Unterwelt folgte, wohlgetan, wenn er Anfang der achtziger Jahre in Italien gelebt hätte? Alice Rohrwacher liefert in ihrem melancholischen, leisen humorvollen Drama eine verblüffende und dennoch logische Antwort: Er hätte sich vermutlich den „Tombaroli“ angeschlossen, den berüchtigten Grabräubern mit großer Klappe und großen Träumen vom schnellen Geld, die antike etruskische Gräber aufspüren, um sie zu plündern. Jedenfalls geht der Engländer Arthur diesen ungewöhnlichen Weg. Er hofft, mit Hilfe der Tombaroli ein Tor zur Unterwelt zu finden, um seine große Liebe, die verstorbene Benjamina, wiederzufinden.
Alice Rohrwacher ist mit ihrem dritten Film über das Leben in der italienischen Provinz – nach „Land der Wunder“ (2014) und „Glücklich wie Lazarro“ (2018) ein geradezu zauberischer Abschluss der Trilogie gelungen – eine poetische und dennoch leichtfüßige Auseinandersetzung mit dem Tod und mit der Vergangenheit.

Webseite: https://pifflmedien.de/filme/la-chimera/
Italien, Frankreich, Schweiz 2023
Regie: Alice Rohrwacher
Drehbuch: Alice Rohrwacher, Carmela Covino, Marco Pettenello
Darsteller: Josh O'Connor, Carol Duarte, Vincenzo Nemolato, Isabella Rossellini, Alba Rohrwacher, Lou Roy-Lecollinet
Kamera: Helène Louvart
Länge: 130 Minuten
Verleih: piffl medien
Start: 11.04.2024

FILMKRITIK:

In Italien herrscht Winter, doch der Engländer Arthur spürt die Kälte nicht, obwohl er nur einen viel zu dünnen, vormals weißen Sommeranzug trägt. Arthur ist in Trauer, und er jagt einem Trugbild nach, einer Chimäre in Gestalt seiner verstorbenen Geliebten Benjamina, die er nicht vergessen kann und nun in der Welt der Toten sucht. Auch seine Freunde, eine Gruppe schräger, lebenslustiger junger Einheimischer, streben nach einem Ziel, das sie nicht erreichen können: dem schnellen Reichtum durch das Plündern antiker Grabstätten. Arthur besitzt die Gabe, die 2500 Jahre alten unterirdischen etruskischen „Tomben“ mit einer Wünschelrute aufzuspüren. Doch eigentlich interessiert sich Arthur nicht für die Schätze, hinter denen seine Freunde her sind. Er sucht das Tor zur Unterwelt und damit zu Benjamina. Als er eines Tages ein unentdecktes Heiligtum mit einer vollständig erhaltenen etruskischen Statue aufspürt, steht seine Welt und die der Tombaroli plötzlich wortwörtlich auf dem Kopf: Träume werden wahr, Unerreichbares liegt plötzlich nahe. Doch Arthur und seine Freunde haben die Rechnung ohne den geheimnisvollen Spartaco gemacht, der als Hehler für die etruskischen Kunstwerke fungiert und stets unsichtbar bleibt.
Die manchmal impressionistisch-verträumten, manchmal harsch realistischen Bilderfolgen, in denen Alice Rohrwacher ihre Geschichte erzählt, erinnern an faszinierende Kaleidoskope. Sie errichtet damit ein Labyrinth der Bilder, in dem sich auch die unterschiedlichen emotionalen Zustände der handelnden Personen widerspiegeln. Jeder Blick ist anders, und durch jeden kleinen Dreh ändert sich die Sichtweise. Und wenn die Welt der Tombaroli durch eine überraschende Wendung auf den Kopf gestellt wird, lässt Alice Rohrwacher die Kamera dasselbe tun. Helène Louvart, die für die Bildgestaltung verantwortlich ist, spielt mit der Kamera, und Alice Rohrwacher treibt das Spiel noch weiter, indem sie auch mal die Filmformate wechselt und mit Bildern, die scheinbar nicht zusammenpassen, für eine Art kontrollierte Verwirrung sorgt. Manchmal streben die Handlungsstränge auseinander, ohne dass die Regisseurin Interesse zu haben scheint, sie wieder zusammenzuführen. Doch der Schein trügt, und mit Josh O’Connor („The Crown“) und der großen Isabella Rossellini, die Benjaminas Mutter, die Gräfin Flora, spielt, hat Rohrwacher zwei charismatische Darsteller gefunden, die den Zuschauer durch alle über- und unterirdischen Labyrinthe führen.
Dabei übt das magisch-realistisch gezeichnete Italien der 80er Jahre, das Arthur als Grenzgänger zwischen England und Italien wie zwischen Leben und Tod bereist, eine ganz besondere Faszination aus. Es ist eine manchmal poetisch verklärte, fantasievolle Wunderwelt, nach der sich alle sehnen. Und hat nicht jeder seine kleinen und großen Chimären, denen er nachjagt? Da spielt die Wahrscheinlichkeit eine deutlich kleinere Rolle als die Sehnsucht. Und wenn Arthur am Ende alle Grenzen überwunden hat, dann vor allem durch das Bewusstsein, dass alles gut wird.
Letztlich ist „La Chimera“ bei aller Poesie und seinen zahlreichen Bezügen zur antiken Mythologie (auch) ein melancholischer Abenteuerfilm, in dem Arthur, der gar kein Held sein möchte, dennoch alles auf einer Karte setzt, um seine große Liebe wiederzufinden. Vor allem aber ist „La Chimera“ ein wunderbares Stück Filmkunst.

Gaby Sikorski