Lemming

Deutschland/Frankreich 2005
Regie: Dominik Moll
Buch: Dominik Moll + Gilles Marchand
Schnitt: Mike Fromentin
Musik: Jean-Marc Fabre
Darsteller: Laurent Lucas, Charlotte Gainsbourg, Charlotte Rampling, André Dussollier
Länge: 120 min
Verleih: Alamode
Starttermin: 16.3.2006

Pressestimmen:

Ein Psychothriller mit subtiler Spannung und schwarzem Humor.
Der Spiegel

Ein Psychothriller…, ein schleichender Albtraum, zum Gruseln schön!
Brigitte

Virtuos jongliert das subversive Ehedrama mit Krimi-, Thriller- und Horror-Elementen und erzählt vom Einbruch (selbst-)zerstörerischer Elemente in eine bürgerliche Existenz. Voller psychologischer Finessen, oszilliert der Film zwischen Realität, Wunsch- und Albtraum und bringt seine Wirkung dank des virtuosen Zusammenspiels der Darsteller zur Entfaltung. – Sehenswert.
film-dienst

Dominik Moll begibt sich in ‘Lemming’, Eröffnungsfilm des Festivals in Cannes 2005, mit einem surrealen Thriller mitten in die Albtraumwelten eines David Lynch. Faszinierend.
Blickpunkt:Film

Ein subtiler Psychothriller, angesiedelt zwischen Chabrol und Hitchkock. …eine Bereicherung des französischen Kinos.
Filmecho


Slow-Motion-Arthouse-Psycho-Horror-Thriller von Dominik Moll: Alles scheint bestens geordnet im Leben von Alain und Bénédicte Getty. Alain steht am Beginn einer vielversprechenden Ingenieurskarriere, Bénédicte vergnügt sich als Hausfrau mit der Einrichtung des neuen Häuschens am Stadtrand, die neue Ehe macht beiden Spaß. Doch dann verstopft ein halbtoter Lemming das Abflussrohr und die psychopathische Ehefrau von Alains Chef beginnt, das junge Glück zu vergiften …

 

„Lemming“ beginnt mit einer der gelungensten Anfangssequenzen des Jahres. Der junge Ingenieur Alain Getty (Laurent Lucas) demonstriert einer Gruppe von Experten die neueste Erfindung seiner Elektronikfirma: eine fliegende Überwachungskamera, die vom PC aus durch das Haus gelenkt werden kann. Wie eine dicke rote Hummel brummt das putzige Gerät durch die futuristische Musterwohnung und übermittelt eine Großaufnahme der tropfenden Wasserleitung – bevor es auf dem Rückweg vom automatischen Fensterverschluss versehentlich zerquetscht wird.

Die Stimmungslage zwischen Absurdität und Alptraum setzt sich fort, als Alain nach getaner Arbeit zu seiner Frau Bénédicte (Charlotte Gainsbourg) in das unpersönliche Vorstadt-Häuschen der Gettys zurückkehrt. Zunächst verstopft ein halbtoter Lemming die Spüle – ein Tier, dass in Frankreich nicht heimisch ist und dem der Mythos vom kollektiven Selbstmord anhaftet. Dann gerät ein gemeinsames Abendessen mit dem Chef (André Dusolier) und seiner psychopathischen Frau Alice (Charlotte Rampling) zum Desaster. Nachdem sie erst störrisch geschwiegen hat, beschuldigt Alice ihren Mann vor den Gastgebern der Hurerei, übergießt ihn mit Wein und prophezeit den Jungvermählten eine zerrüttete Ehe. Bereits am nächsten Tag taucht sie in der Firma auf und versucht, Alain zu verführen. Wenig später sucht sie Bénédicte heim und erschießt sich schließlich im Gästezimmer der Gettys.
Der Selbstmord ist jedoch nicht das Ende von Alice. Ihr rachsüchtiger, gehässiger Geist beginnt, von Bénédicte Besitz zu ergreifen. Die freundliche, zufriedene junge Frau wird zusehends aggressiv und unberechenbar, und die Musterehe mutiert langsam und unausweichlich zum Alptraum.

Dominik Moll fusioniert in „Lemming“ gekonnt Ehedrama und Psychothriller. Das es sich um einen Thriller handelt, wird allerdings erst ganz allmählich deutlich. Moll verzichtet fast vollständig auf die üblichen Schockeffekte des Genres. Die Entwicklung von Normalität zu Alptraum vollzieht sich ungeheuer langsam und die Anzeichen, die auf die Abgründe hinter der glatten Vorstadtoberfläche verweisen, wirken oft eher absurd als bedrohlich: eine leichte Schräglage in der Inszenierung von Räumen und Dialogen; die überzeichneten sexuellen Exzesse des Chefs; die fiesen Charakterzüge des hamsterartigen zähen Nagetiers.

Nach einer fulminanten ersten Stunde, in der „Lemming“ großes, unterhaltsames und sehr sensibel getimtes Kino bietet, verliert der Film leider etwas an Orientierung. Die fortlaufende Zerrüttung der Gettys und die schließliche Auflösung werden den Erwartungen, die Exposition  und Thematik geweckt haben, nicht wirklich gerecht. Trotzdem: ein sehenswerter Film, irgendwo zwischen Francois Ozon und Alfred Hitchcock, und eine willkommene Abwechslung zum Sozialrealismus der meisten gegenwärtigen Produktionen..

Hendrike Bake

 

 

Schön, wie so ein kleiner Nager allzu glatte Lebensentwürfe zur Achterbahn werden lässt. Der Franzose Dominique Moll, der schon mit "Harry" vor einigen Jahren zeigte, dass der gute Familienvater sich letztendlich mit Gewalt gegen äußere Bedrohungen wehren muss, konfrontiert nun ein harmloses, fast langweiliges junges Paar mit skurrilen bis mysteriösen Entwicklungen.

Der junge Ingenieur Alain Getty (Laurent Lucas) erwartet mit seiner Frau Benedicte (Charlotte Gainsbourg) in der kleinen Modelwohnung einer Vorstadt im Süden eigentlich nur den Chef Pollock (André Dussollier) samt Gattin Alice (Charlotte Rampling) zum Abendessen. Doch Alice gebärdet sich extrem exzentrisch, kippt dem herumhurenden Ehemann Wein ins Gesicht. Der Abend ist schnell gelaufen, doch am nächsten Tag versucht Alice Alain zu verführen, taucht darauf bei Benedicte auf und schießt sich eine Kugel in den Kopf. So weit, so seltsam. Nun jedoch wird die Musik gespenstig, Benedicte spricht und gebärdet sich wie Alice. Die vorher sehr ruhige, beherrschte Frau schreit nun impulsiv herum, flucht und geht fremd.

Ach ja: Alles fing mit einen Lemming an, der sich im Abfluss der Gettys verirrt hatte! Der skandinavische Nager irritiert im französischen Vorort und erweist sich als Vorbote einer aus den Fugen geratenden Beziehung.

Die Mischung von Gesellschaftskomödie und Horror-Ansätzen im japanischen Stile von „The Ring" ist an sich ganz reizvoll. Im Gegensatz zu "Harry" gelingt es Dominique Moll jedoch nicht, seine schon im Genremix divergente Geschichte zusammenhängend und ohne Hänger zu erzählen. Es bleibt die hervorragende Besetzung, vor allem durch das "doppelte Charlottchen", die reife Rampling und die nicht mehr ganz so junge Gainsbourg: Rampling als gequälte oder quälende Gattin mit erschreckend dunklen, bitteren Augen. Und "die Gainbourg" mal harmlos niedlich, mal dämonisch mit dem Geist der Alice, der aus den Augen blitzt. Selbst wenn "Lemming", Eröffnungsfilm der Filmfestspiele von Cannes 2005, kein Höhepunkt des französischen Kinos ist, reizt er mit vielen Qualitäten und einer wahrlich ungewöhnlichen Geschichte.

Günter H. Jekubzik