Lolo – Drei ist einer zuviel

Die Delpy gilt vielen als französische Cousine von Woody Allen – und diesem Ruf wird sie mit dieser wortwitzigen Komödie einmal mehr gerecht. Drehbuch, Regie und Hauptrolle übernimmt die kreative Madame wieder selbst. Als leicht neurotische Erfolgsfrau verliebt sie sich in den gutmütigen Computer-Fachmann vom Land. Die große Liebe jedoch bekommt große Probleme, denn der 19-jährige Sohn will das Hotel Mama partout nicht teilen und spinnt gar teuflische Intrigen gegen den neuen Mann im Haus. Das Rad der Rom-Com wird damit gewiss nicht neu erfunden. Doch flottes Tempos, gelungene Situationskomik sowie pointenstarke Dialoge sorgen für quirliges Vergnügen, das auch Vorbild Woody vermutlich witzig fände. 

Webseite: www.lolo-derfilm.de

F 2015
Regie: Julie Delpy
Darsteller: Julie Delpy, Dany Boon, Vincent Lacoste, Karin Viard, Karl Lagerfeld
Filmlänge: 100 Minuten
Verleih: NFP, Vertrieb: Warner
Kinostart: 31.3.2016
 

FILMKRITIK:

Ein Selfie mit Karl Lagerfeld auf einer exklusiven Party? Keine ganz so gute Idee, erst recht nicht, wenn man den stets auf Distanz bedachten Mode-Papst ziemlich zugedröht und denkbar derb darum anbettelt. Das Landei Jean-René (Dany Boon) kann eigentlich gar nichts für seinen verhängnisvollen Fauxpas, ist er doch wieder einmal unwissend zum Intrigen-Opfer von Lolo geworden, dem 19-jährgen Sohn seiner neuen Freundin Violette (Julie Delpy). Vom charmanten Lächeln des freundlichen Jungen sollte man sich nicht täuschen lassen: Hinter der netten Fassade steckt ein kleiner Teufel, der höchst eifersüchtige darüber wacht, dass die Mama keinen neuen Lover ins Haus bringt. Diesmal hat Lolo den ahnungslosen Rivalen aus der Provinz für die mondäne Großstadt-Party nicht nur auffallend albern eingekleidet, sondern in dessen Champagner noch heimlich ein paar Pillen gekippt, was zu jenem fatalen Selfie-Auftritt mit Lagerfeld führt.
 
Immer neue, fiese Fallen heckt der hinterhältige Sohnemann aus, um das Glück des turtelnden Pärchens zu ruinieren. Im Darknet will er sogar hochgiftiges Polonium bestellen, zunächst tut allerdings auch das gute alte Juckpulver gute Dienste, um Jean-René in recht peinliche Situationen zu bringen. Zum Ärger von Lolo erweist sich die verliebte Mama als überaus verständnisvoll. Selbst als sie ihren schlafenden Freund mit zwei halbnackten Blondinen im Bett erwischt, hält der hysterische Wutanfall nicht sehr lange vor – und dabei ahnt sie gar nicht, das alles wieder einmal vom niederträchtigen Sohn eingefädelt wurde. Als Violette beschließt, den Liebhaber in ihrer Wohnung aufzunehmen und auf Anraten ihrer besten Freundin dem Sohn einen Auszug nahelegt, sinnt Lolo auf perfide Rache. Für den Informatiker Jean-René gerät die Präsentation seines ausgetüftelten Computer-Programms vor dem neuen Chef prompt etwas anders als gedacht. Der erkennt nun endlich den Drahtzieher all seiner Missgeschicke – und in der Küche kommt es zum großen Showdown.
 
Mit hübsch gezeichneten Filmtiteln im Retro-Stil gibt Julie Delpy die beschwingte Stimmung ihrer Liebeskomödie gleich zum Auftakt vor. Ihr Hang zum Slapstick ist gleichfalls schnell ausgemacht: Bei der ersten Begegnung zwischen neurotischer Erfolgsfrau aus Paris und schüchternem Landei sorgt dessen frisch gefangener Thunfisch für den ulkigen Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Nicht minder originell gelingt die Einführung des eifersüchtigen Sohnes – deren bravouröse Pointe besser nicht gepetzt werden sollte. Dass Delpy ihren egozentrisch eitlen Titelhelden ständig in Feinripp-Unterhosen aus den Sechzigern auftreten lässt, spricht für ihre große Liebe für kleine Gags am Rande, die sie bereits als Koautorin von Richard Linklaters „Before Sunrise“-Trilogie unter Beweis stellte. Und wie dort pflegt sie auch hier ihr Talent für gut geschliffene Dialoge, die bisweilen durchaus Lust auf sexuelle Themen haben, ohne allzu zotig zu geraten.
 
Die Mischung aus Situationskomik und selbstironischer Satire gelingt umso besser, als die Chemie zwischen dem Schauspiel-Trio spürbar stimmig ausfällt. Die Delpy agiert sichtlich entspannt zwischen Danny Boon als sympathischem Tollpatsch und Newcomer Vincent Lacoste als postpubertärem Psychopathen. Dass Karl Lagerfeld mit seinem Gastauftritt allen die Show stiehlt, versteht sich natürlich fast von selbst.
 
In seiner Heimat ging die Rom-Com Rechung auf: Mit über 800.000 Besuchern in den ersten drei Wochen avancierte das luftige Screwball-Souflé zum größten Starterfolg eines Filmes der Delpy in Frankreich.
 
Dieter Oßwald

Spätestens mit dieser turbulenten Komödie findet die Filmwelt eine würdige Nachfolgerin von Woody Allen. Immer mehr avanciert das sympathische Multitalent Julie Delpy zur Expertin für abgedrehte Großstadt- und Beziehungskomödien. Zusammen mit Dany Boon, dem nordfranzösischen Erfolgskomiker („Willkommen bei den Sch´tis“) meistert das ungleiche Paar absurd skurrile Situationen, agiert herrlich überdreht und bewegt sich dabei geschickt am Rande der Groteske. Delpy verzichtet aber trotzdem nicht auf romantische Zwischentöne. Die Französin inszeniert ihren Geschlechterkampf samt spätpubertärem Muttersöhnchen mit respektlosem Humor und huldigt damit dem anhaltenden Charme der klassischen Screwball-Komödien.

Beim Thalasso-Urlaub in Biarritz will sich Violette (Julie Delpy) mit ihrer besten Freundin Ariane (Karin Viard) einmal so richtig entspannen. Dabei gönnt sich die in der Modebranche arbeitende Pariserin eine Affäre mit dem Provinzler Jean-René (Dany Boon). Obwohl der etwas nett-naive Computerspezialist eigentlich so gar nicht ihr Typ ist, versüßt ihr Flirt der gestressten 45jährigen die Ferien. Und als sich am Ende ihres Urlaubes herausstellt, dass der frischgeschiedene Informatiker demnächst aus Job-Gründen nach Paris zieht, ist sie darüber nicht unglücklich. Doch die alleinerziehende Mutter hat die Rechnung ohne ihren Filius gemacht.
 
Sohn Lolo (Vincent Lacoste) begrüßt den neuen Partner seiner Maman zwar scheinbar freundlich. Hinter ihrem Rücken tut der verwöhnte 19jährige freilich alles, um die lästige Konkurrenz so schnell wie möglich loszuwerden. Zusammen mit seinem Freund Lulu (Antoine Lounguine) schmiedet er eifrig perfide Pläne, um die Beziehung zu zerstören. Brutal lässt er den unwillkommenen Lover immer wieder knallhart auflaufen. Führt den Ahnungslosen beim Modeevent seiner Mutter in unmöglichem Outfit vor, schmuggelt Beruhigungsmittel in seinen Drink und lässt ihn danach Karl Lagerfeld um ein peinliches Selfie anbetteln. Als das alles nicht hilft greift er zu immer drastischeren Methoden. Und fast gelingt es ihm die beiden auseinanderzubringen.
 
Multitalent Julie Delpy avanciert mehr und mehr zur französischen Version von Woody Allen. Die Pariser Stadtneurotikerin versteht es wie wenige, mit offenherzigen, pointierten  Dialogen und einem kräftigen Schuss Situationskomik einen herrlich selbstironischen Blick auf sich selbst und ihre Umgebung zu werfen. In ihrem Regiedebüt „2 Days in Paris“ brilliert sie als Künstlerin, hier nun als gestresste Fashionlady. Der Kontrast zum Landei Jean-René, liebevoll tollpatschig verkörpert von Dany Boon, könnte nicht grösser sein. Auch in ihrer neuen skurrilen Komödie spielt die Mutter eines sechsjährigen Sohnes nicht nur die Hauptrolle, sondern schreibt das Drehbuch und führt Regie. Der weibliche Tausendsassa hat sich nie darauf ausgeruht, einfach eine attraktive Schauspielerin zu sein.
 
 „Generell gefällt es mir nicht, die kreative Kontrolle zu verlieren“, verrät das 45jährige Energiebündel. Nicht umsonst trägt ihre Violette, lässig am Küchenschrank gelehnt, ein schwarzes Schlaf-Shirt mit der Aufschrift: „I'm Not Bossy, I'm the Boss“. Gekonnt mixt die Spezialistin für intelligente, dialogstarke Rom-Coms erneut einen erfrischenden Cocktail aus erhellendem Sarkasmus und respektlosen Humor. Wenn sich etwa Sohn Lolo und Liebhaber Jean-René bei Wiener Walzermusik mit Regenschirmen gegenseitig verprügeln wirkt diese Szene wie aus einem Monty-Python Sketch der göttlichen englischen Kult-Komiker. Gleichzeitig lässt Freigeist Delpy ihre zwei besten Freundinnen ungeniert ganz offen über Sex reden.
 
Besonders uneitel, kaum geneigt, sich geheimnisvoll zu geben, nimmt die brillante Cesar-Preisträgerin Karin Viard („Verstehen Sie die Béliers?“) diese Einladung zu unverblümter Direktheit überzeugend an. In jeder Einstellung zeigt sich ihr wunderbares Talent. Und so genießt der Zuschauer die turbulente Handlung mit einem Darstellerensemble in überschäumender Spiellaune. In ihren besten Momenten ähnelt die schwungvoll, verhinderte Lovestory tatsächlich einer Screwball Comedy – jenem populären Genre der amerikanischen Filmkomödie der 40er Jahre, das geprägt vom furiosen Kampf der Geschlechter, pointierten Dialogen und exzentrischen Charakteren, glänzend zu unterhalten wusste. Genial erweist Regisseurin Delpy mit ihrem hintersinnig inszenierten Schlussgag dieser grandiosen Erzählform nochmals ihre Referenz.
 
Luitgard Koch