My Summer of Love

Großbritannien 2004
Regie: Pawel Pawlikowski
Buch: Pawel Pawlikowski & Michael Wynne
nach dem gleichnamigen Roman von Helen Cross
Darsteller: Natalie Press, Emily Blunt, Paddy Considine
Verleih: prokino
86 Minuten, 1:1,85
Kinostart: 30. 6. 2005

Zwei Mädchen aus unterschiedlichen Welten verlieben sich und bilden für einen goldenen Sommer gemeinsam eine neue Welt – bis dann doch alles anders ist als es schien. Pawel Pawlikowskis Film über die erste Liebe in ihrer ganzen Intensität und Ausschließlichkeit gewann den BAFTA-Award als bester britischer Film 2005.

Ein heißer englischer Sommer, Teenager Mona liegt gelangweilt im Gras. Über ihr taucht ein elegantes Mädchen auf einem Pferd auf: Tamsin tritt in ihr Leben. Aus wohlhabender Familie stammend und gerade von ihrer teuren Privatschule geflogen, ist sie scheinbar das genaue Gegenteil der verwaisten Mona, die allein mit ihrem Bruder im örtlichen Pub lebt. Aber die Mädchen entdecken verwandte Seelen ineinander und sind bald unzertrennlich. 

Für Mona ist es das Ende ihrer Einsamkeit – ihr Bruder, ein Ex-Krimineller, hatte ein Erweckungserlebnis, funktioniert den Pub in eine Gebetsgruppe um und ist für Mona unerreichbar geworden, das Verhältnis zu ihrem verheirateten Freund beschränkt sich auf schnelle Autoficks. Rettung ist nötig. Und je mehr man von Tamsin erfährt, desto mehr gewinnt man den Eindruck: Für beide.

Sie scheinen füreinander diese Rettung zu sein. Es beginnt als innige Mädchenfreundschaft und wird ganz selbstverständlich zu leidenschaftlicher Liebe. Diese Liebe ist das Herz des Films, viel mehr glücksglühender Zustand als Handlung, und macht wie jede Liebe für die, die sie erleben, die Welt neu – sichtbar in wunderbaren Bildern, in denen die sonnendurchflutete Landschaft Yorkshires freier wird und die Wälder schöner und geheimnisvoller. Natalie Press (Mona) und Emily Blunt (Tamsin) spielen das Aufblühen der Mädchen, ihre Zärtlichkeit und ihr Trostbedürfnis mit großer Intensität. Es gibt Momente, in denen die beiden sich aneinanderklammern, als sei die andere der einzige Halt auf der Welt. Und es gibt Bilder reinen Glücks, ein Tanz zu einem Piaf-Lied, ein Kuß beim Baden im Fluß, Zigarettenrauch, der aus sonnenbeschienenen Heidekrauthängen aufsteigt. Sie scheinen sicher beieinander, eine Welt für sich.  

Die völlig überraschende Wendung, die die Geschichte in den allerletzten Minuten nimmt und die Idylle zerstört, macht ratlos. Hat eine der beiden die andere die ganze Zeit belogen und ist eigentlich ein ganz anderer Mensch? War dadurch alles anders als man dachte? Gab es wirklich im ganzen Film keine wahrnehmbaren Anzeichen dafür? Haben auch wir als Zuschauer uns radikal getäuscht, weil wir 80 Minuten lang berührt waren, oder waren mehr Interpretationen möglich? Waren die Gefühle am Ende doch echt, nur die erzählten Geschichten nicht? Der Film überläßt es jedem selbst, etwas aus dieser Erfahrung zu machen.
Wie das Leben, eigentlich.

Susanne Stern