P.J. Harvey – A Dog Called Money

Es ist ein ungewöhnlicher Film, den der Fotograph und Filmemacher Seamus Murphy mit „P.J. Harvey – A Dog Called Money“ abliefert, weil er dokumentiert, wie die Indie-Sängerin P.J. Harvey Inspiration für die Songs ihres neuen Albums findet, diese entwickelt und schließlich in einer Art Live-Performance aufnimmt – denn im Keller des Somerset House in London können Interessierte zusehen, wie Harvey und ihre Band die Songs des neuen Albums einspielen. Die Künstlerin wird so selbst zum Kunstwerk.

Webseite: www.salzgeber.de/pj-harvey/

Irland / Großbritannien 2019
Regie: Seamus Murphy
Länge: 90 Minuten
Verleih: Salzgeber
Kinostart: 14. November

FILMKRITIK:

„Ich habe gehört, vor 20 Jahren konnte man mit Kugeln bezahlen, um ins Kino zu kommen“, erzählt P.J. Harvey am Anfang dieser Dokumentation, als sie in Kabul in Afghanistan ist. Ihr Freund Seamus Murphy nahm sie dorthin mit. Er muss ihr auch davon erzählt haben, war er als Fotojournalist doch schon ein Vierteljahrhundert zuvor in dem vom Krieg zerrissenen Land. Wenn Harvey das ausspricht, dann ist es nicht nur eine Information, es wird zu Poesie. Denn Harvey hat Murphy begleitet, um Inspiration zu finden. Auf ihren Reisen notiert sie Zitate, Gedanken, Überlegungen – sie alle werden zur Basis dessen, was auf den Songs des neuen Albums zu finden sein wird. Harvey überlegt auch, wie sie die Songs interpretieren soll.
 
Die Reise führt sie nach Kabul, dann in den Kosovo und schließlich nach Washington. Dort aber nicht in das Zentrum der Macht, sondern die vergessenen Orte. Ein Viertel wie Anacostia, das nicht weit vom Capitol Hill entfernt und doch eine gänzlich andere Welt ist, in der die Abgehängten und Zurückgelassenen leben. Harvey interessiert sich für diese Menschen. Sie will ihre Geschichten hören. Die Künstlerin interpretiert sie, transformiert sie, macht sie zu etwas, mit dem sie Menschen überall auf der Welt berührt.
 
„P.J. Harvey – A Dog Called Money“ ist ein sehr intimer Film, der auf den künstlerischen Prozess blickt und den Zuschauer dabei so nahe ran bringt, wie das nur irgend möglich ist. Die Grenzen verschiedener Ausdrucksformen – Film, Dokumentation, Fotographie, Musik, Performance – sind dabei fließend. Harvey ist die Künstlerin, wird aber auch zum Kunstobjekt, wenn sie mit den Musikern im Tonstudio des Somerset House ist, die Songs einspielt, daran feilt und immer beobachtet wird. Nicht nur von Murphys Kamera, sondern auch durch das schallisolierte Fenster, durch das Besucher Harvey und ihren Musikern bei ihrem Werk zusehen können.
 
Das macht den Dokumentarfilm zum Teil des Gesamtkunstwerks, das von der Suche nach der Poesie erzählt, die Harvey an den ungewöhnlichsten Orten findet. Orte, die man mit Krieg, Tod und Verheerung in Zusammenhang bringt, aber Harvey zeigt eine andere Seite. Der Film so wie ihre Songs zeugen vom menschlichen Geist, der sich über alles erheben kann. Harvey erhebt sich niemals über die Menschen oder ihre eigene Kunst – sie agiert mit spürbarer, authentischer Demut und nutzt die Gabe ihres Talents, um dem Rezipienten eine Welt zu offenbaren, die er so nicht kennt.
 
Peter Osteried