Rakete Perelman

Irgendwo in Brandenburg: zehn Aussteiger haben sich zur Künstlerkolonie Rakete Perelman zusammengeschlossen, um den Traum vom selbstbestimmten Dasein zu leben. Zwischen grünen Wiesen, Techno und Theaterproben erkennen die Individualisten jedoch bald, dass auch das Leben in der Kommune seine Tücken hat. Regie-Debütant Oliver Alaluukas inszeniert seine charmante Aussteiger-Komödie mit viel Witz und einem feinen Gespür für zwischenmenschliche Konflikte. Der mit liebenswürdigen Figuren gespickte Film hinterfragt das Leben im Mikrokosmos einer Kommune und lotet die Grenzen des Idealismus aus.

Webseite: www.darlingberlin.de

Deutschland 2016
Regie: Oliver Alaluukas
Darsteller: Liv Lisa Fries, Tobias Lehmann, Gordon Kämmerer, Kai Müller, Lilly Marie Tschörtner
Länge: 108 Minuten
Verleih: Daredo Media/Darling Berlin
Kinostart: 09. November 2017

FILMKRITIK:

Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung: das ist den Mitgliedern der Kommune um den Rakete-Gründer Tobias (Tobias Lehmann) am wichtigsten. Doch selbst die größten Freigeister brauchen Geld zum Leben. Die Bauaufsichtsbehörde sitzt Rakete Perelman im Nacken, weshalb ein Theaterstück Geld in die leeren Kommunen-Kassen spülen soll. Die Hauptrolle Jen (Liv Lisa Fries) spielen. Sie ist Mitte zwanzig, neu in der Gruppe und zunächst voller Eifer beim Theaterprojekt dabei. Doch dann kommt es zu Neid, Missgunst und Eifersucht. Den Idealisten wird klar wie schwer es ist, die eigenen Vorstellungen aufrechtzuerhalten, wenn Geld verdient werden muss.

Mit „Rakete Perelman“ beendete Regisseur Oliver Alaluukas sein Regie-Studium an der Filmuniversität Babelsberg. Zuvor absolvierte er bereits eine Ausbildung zum Kameramann und arbeitete als Schauspieler an einem Münchener Off-Theater. Erste Erfahrungen als Filmemacher sammelte er mit selbst inszenierten Kurzfilmen. „Rakete Perelman“ feierte seine Premiere im Wettbewerb des Filmfestivals Max Ophüls Preis 2017 und war für den gleichnamigen Preis nominiert.

„Rakete Perelman“ ist ein geistreiches, kluges filmisches Experiment, das von Regisseur Alaluukas mit augenzwinkerndem Humor und sehr lebensnah umgesetzt wurde. Der Film spielt ein Szenario durch, von dem viele Menschen träumen, sich aber nicht trauen, dieses in die Tat umzusetzen. Der Wunsch, das bisherige Leben hinter sich zu lassen, sich vom täglichen (Arbeits-) Druck zu befreien und noch mal neu anzufangen. Mit gleich gesinnten Menschen, die ähnlich negativ über Kommerz und Kapitalismus denken.

Schon diese Grundkonstellation als Ausgangspunkt für die Handlung, ist spannend. Denn als Zuschauer interessiert natürlich brennend die Frage: wie lässt sich dieses Vorhaben in der Realität verwirklichen und klappt die geplante Umsetzung der Künstler-Kommune? Das Figurenkabinett, das die Kommune bildet und den Film bevölkert, ist bunt und abwechslungsreich wie das Leben. Es gibt den alternativen Koch, die werdende Mutter, die den Verzicht auf Fleisch predigt, die junge Designerin, die der Modeindustrie kritisch gegenübersteht oder den übermotivierten, emotionalen Kommunen-Gründer. Dieser wird von Tobias Lehmann wunderbar überspitzt und dünnhäutig verkörpert.

Überhaupt die Darsteller: sie verleihen ihren Figuren mit ihrer sympathisch-bodenständigen, ungekünstelten Spielweise ein hohes Maß an natürlichem Charme. Und damit reichlich Identifikationspotential. Irgendwann aber kommt es innerhalb der Gruppe zu Streitereien. Gestritten wird über dieselben Themen und Inhalte, wie dies auch im „normalen“ Leben abseits von Künstlerkollektiven der Fall ist: z.B. über die Frage nach der  richtigen Kindererziehung oder wer mit wem geschlafen hat. Den Künstlern dämmert, dass auch das Leben in der Kolonie nicht frei von Stress und (zwischenmenschlichem) Ärger ist.

Das alles inszeniert Alaluukas mit viel Humor. Heiter und unterhaltsam wird es für den Zuschauer vor allem im letzten Drittel. Wenn die Gruppe eigentlich gezwungen ist, professionell zusammenzuarbeiten und das Theaterstück einzustudieren. Aber interner Missmut die Stimmung gehörig drückt. Und damit auch die Motivation fürs Spielen im Keller ist. Dies zeigt sich ganz wunderbar in einer herrlich absurden, schrägen Sequenz während der Aufführung des Stücks vor Publikum. In jeder Einstellung merkt man den Figuren die unterdrückte Wut und den Unmut an. Und das, obwohl das Gelingen der Aufführung über das finanzielle Überleben der Kommune entscheidet. Aus diesem „Konflikt“ ergibt sich am Ende dann  noch ein weiteres, emotional aufgeladenes Spannungsfeld.

Björn Schneider