Sábado – Das Hochzeitstape

Chile 2003
Regie:  Matías Bize
Drehbuch:  Julio Rojas
Darsteller: Blanca Lewin, Antonia Zegers, Diego Munoz, Víctor Montero
Filmverleih: flax film
Filmlänge: 65 Minuten
Kinostart: 11. August 2005

Frischer Wind aus Südamerika.  In seinem Liebesdrama „Sábado“ begleitet der chilenische Nachwuchsregisseur Matías Bize eine verzweifelte Braut in Echtzeit und ohne Schnitte mit der Digitalkamera.

Wer an internationale Filmkunst denkt, hat vermutlich Skandinavien, Frankreich oder Osteuropa im Sinn. Vielleicht auch Asien oder das Independent-Kino aus den USA und Kanada. An Südamerika denkt hingegen kaum jemand. Und das obwohl so brillante Inszenierungen wie „Central Station“ (1998) oder „City of God“ (2002) den Weg ins deutsche Kino fanden. Anspruchsvolle Filme sind in Südamerika im Aufwind und bringen Temperament und frischen Wind in die Szene.

Mit „Sábado – Das Hochzeitstape“ startet nun ein chilenischer Beitrag, der ebenfalls für junges und dynamisches Kino aus Südamerika steht. Der Film wurde von Nachwuchsregisseur Matías Bize komplett mit der Digitalkamera in Echtzeit gedreht und porträtiert 65 turbulente Minuten im Leben einer verzweifelten Braut.

Blanca (Blanca Lewin) steckt mitten in den Hochzeitsvorbereitungen, als die aufgebrachte Antonia (Antonia Zegers) zusammen mit einem Kameramann in ihre Gemächer stürmt. Sie erzählt der schockierten Braut von den vielen sexuellen Eskapaden ihres Verlobten. Angeblich erwartet Antonia sogar ein Kind von dem sorglosen Lebemann. Kurzentschlossen schnappt sich Blanca daraufhin den Kameramann und rennt mit ihm zur Wohnung ihres zukünftigen Gatten Víctor (Víctor Montero), in der festen Absicht, die Hochzeit mit einem gigantischen Paukenschlag abzusagen.

Auf den ersten Blick erscheint die Handlung von „Sábado“ wie die eines alltäglichen Liebesdramas. Wir haben eine betrogene Braut, einen untreuen Bräutigam und eine Hochzeit, die irgendwo dazwischen steht. Das klingt höchst konventionell, doch darauf kommt es im Grunde gar nicht an. Es ist die wilde und spektakuläre Art der Inszenierung, die aus dem Film ein echtes Erlebnis macht. Bize präsentiert rasche Szenenwechsel und mehrfache Veränderungen des Blickwinkels – und das ohne einen einzigen Schnitt! „Editing by Acting” nennt der Jungfilmer sein Konzept. Er lässt die Schauspieler agieren und begleitet das Geschehen mit der voyeuristischen Handkamera, anstatt dass die Schauspieler der Kamera folgen.

Diese anspruchsvolle Form der Inszenierung erfordert ein absolutes Höchstmaß an Timing, Konzentration und Disziplin von allen Beteiligten vor und hinter der Kamera. Schließlich verursacht jeder Versprecher und jede noch so kleinste Verspätung eine vollständige Neuinszenierung. Diese schwierige Ausgangslage meisterte ganz besonders Blanca Lewin in ihrer Rolle der gehörnten Braut mit Bravour. Es ist ein wahrer Genuss, ihr dabei zuzusehen, wie sie zwischen Zorn und Verzweiflung schwankend durch die Straßen hetzt. Das sind leidenschaftlich nackte Emotionen, die den Zuschauer zum Lachen und zum Weinen bringen.

Durch seine innovative Erzählstruktur avancierte „Sábado“ auf dem 52. Filmfestival von Mannheim-Heidelberg schon zum heimlichen Liebling unter Kritikern, Publikum und Juroren und wurde vollkommen zurecht mit dem Fassbinder-Preis für unkonventionelles Kino ausgezeichnet. Zudem erhielt Hauptdarstellerin Blanca Lewin für ihre hervorragende Leistung eine lobende Erwähnung.

„Sábado“ ist sehenswerte Filmkunst aus Südamerika und Matís Bize ein Mann, den Filmfreunde im Auge behalten sollten. Der weiße Fleck auf der Filmkunst-Landkarte beginnt sich langsam aber sicher mit immer mehr Leben zu füllen.

Oliver Zimmermann