Self/Less – Der Fremde in mir

Das Science-Fiction-Kino lebt von der Frage: Was wäre wenn? Und verwendet futuristische Konzepte im besten Fall zur Reflektion philosophischer Fragen. Im Ansatz tut dies auch Tarsem Singhs „Self/Less – Der Fremde in mir“, in dem ein Milliardär seinen Geist in einen jungen Körper verlegt, doch in der Ausführung bleibt er zu sehr Stückwerk.

Webseite: www.selfless-film.de

USA 2015
Regie: Tarsem Singh
Buch: Alex & David Pastor
Darsteller: Ryan Reynolds, Ben Kingsley, Natalie Martinez, Matthew Goode, Victor Garber, Derek Luke, Michelle Dockery
Länge: 116 Minuten
Verleih: Concorde
Kinostart: 20. August 2015

FILMKRITIK:

Auch wenn der Immobilienhai Damian (Ben Kingsley) alles hat – Reichtum, Macht, ein mondänes Appartement über den Dächern New Yorks – eines kann er mit Geld nicht kaufen: Ein langes Leben. Unheilbar krank ist er, sein Tod nur noch eine Frage von Wochen. Doch da bekommt er ein ungewöhnliches, aber verlockendes Angebot: Für viel Geld bietet ein mysteriöses Unternehmen eine besondere Leistung an: Damians Geist, also sein Wesen in einen frischen, genetisch produzierten Körper verlegen zu lassen und damit sogar der Menschheit einen Gefallen tun. Denn wie Albright (Matthew Goode), der Leiter des Unternehmens erklärt, wäre es doch eine Verschwendung, wenn so ein brillanter Geist wie der von Damian der Menschheit nur deswegen verloren ginge, weil seine äußere Hülle nicht mehr mitmacht.
 
Mehr muss der eitle Damian nicht hören und so findet er sich bald im Körper eines jungen Mannes wieder (dem von Ryan Reynolds), lebt in einem schmucken Haus in New Orleans und genießt das Leben in vollen Zügen. Alles wäre gut, wenn da nicht diese gelegentlichen Halluzinationen wären, undefinierbare Bilder von einer Frau und einem kleinen Kind, an die er sich nicht erinnern kann. Die aber doch die Erinnerung seines Körpers sind, denn wie schnell klar wird, ist Damians Geist nicht in einen wirklich neuen Körper verlegt worden, sondern in den schon etwas gebrauchten Körpers des ehemaligen Soldaten Mark, der seinen Körper für das Wohl seiner Frau Madeline (Natalie Martinez) und seiner kranken Tochter geopfert hat. Und in diesem Körper tobt nun der Kampf zwischen Damians und Marks Geist.
 
Dass man bei Tarsem Singhs „Self/Less“ an viele andere Filme denkt – von John Frankenheimers „Seconds“ über John Woos „Face/Off“ bis hin zu Roland Emmerichs „Universal Soldier“ – ist einerseits nicht verwunderlich, allzu viele Filme, in denen der Geist eines Menschen den Körper wechselt gibt es eben nicht, führt aber auch zum Problem des Films. So originell der Ansatz auch ist, so vielfältig die ethisch-moralischen Fragen, die aufgeworfen werden, im Endeffekt macht Singh zu wenig aus einem Konzept, dass viele Möglichkeiten bietet.
 
Vor allem wenn es um die schon im Titel angedeutete Selbstlosigkeit geht: Anfangs wird Damian als egozentrischer Milliardär gezeigt, der nur für seine Arbeit lebt und seine Tochter Claire ihr Leben lang vernachlässigt hat. Ganz anders der Soldat Mark, der sein Leben, seinen Körper opferte, um seiner Tochter zu helfen. Im Körper von Mark existieren nun beide Ansätze, wobei das Wesen von Mark mittels eines Medikaments unterdrückt wird. Verzichtet Damian darauf, diese Medizin täglich einzunehmen, wird über kurz oder lang das Wesen Marks die Oberhand gewinnen. Die Frage, ob der Milliardär sich zum ersten Mal in seinem Leben wirklich selbstlos zeigt und zulässt, dass sein Geist langsam verschwindet, zieht sich durch den Film, droht aber oft durch die auf atemlos getrimmte Struktur überschattet zu werden. Etwas unentschlossen wirkt Singhs Film oft, der zudem nur selten an die atemberaubenden Bilderwelten früherer Filme wie „The Fall“ oder „Immortal“ anknüpfen kann. Ein meist eher konventioneller Science-Fiction-Thriller ist „Self/Less – Der Fremde in mir“ so am Ende geworden, voller interessanter Ideen, die aber allzu oft in den Hintergrund geraten.
 
Michael Meyns