The Remains – Nach der Odyssee

„The Remains – Nach der Odyssee“ befasst sich in zwei Erzählsträngen mit dem Schicksal von Flüchtlingen, denen die Überquerung des Mittelmeeres nicht geglückt ist und zeigt die unermesslichen seelischen Wunden bei den Hinterbliebenen der Opfer. Die österreichische Filmemacherin Nathalie Borgers klagt mit ihrem eindringlichen Film nicht an und verzichtet auf Schuldzuweisungen. Sie fordert, den Blick nicht abzuwenden und Verständnis für das Leid der Familienangehörigen aufzubringen.

Webseite: www. theremains.at

Österreich 2019
Regie & Drehbuch: Nathalie Borgers
Länge: 89 Minuten
Kinostart: 26. September 2019
Verleih: Real Ficition

FILMKRITIK:

Nach wie vor erfahren die Flüchtlingskrise und ihre Folgen hohe mediale Aufmerksamkeit. Ihr Höhepunkt wurde im Herbst 2015 erreicht, doch Nachrichten über gesunkene Boote oder Geflüchtete, die auf Schiffen der Seenotrettung festsitzen, erreichen uns noch immer nahezu wöchentlich. In den letzten Jahren haben tausende Flüchtlinge zwar ihre ersehnten Ziele in Europa erreicht, ebenso viele aber sind bei ihren Fluchtversuchen verschollen oder gestorben.

Wie geht es für die Angehörigen nach einer solchen Tragödie weiter? Und was passiert mit den toten Körpern, die an die Strände gespült werden? Wie laufen die Identifizierung und die Suche nach Vermissten ab? Die ursprünglich aus Belgien stammende Dokumentarfilmerin Nathalie Borgers widmet sich in ihrem neuen Film genau diesen Fragen und beleuchtet so die Konsequenzen dieser Ausnahmesituation für alle Beteiligten.

Dafür präsentiert Borgers dem Zuschauer zwei parallel montierte Erzählebenen. Die eine führt auf die ägäische Insel Lesbos, auf der viele Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Europa, in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft, ankommen. Allerdings kentern immer wieder auch Boote vor der Insel, zuletzt etwa Mitte Juni mit insgesamt sieben Toten. Borgers spricht mit Menschen auf Lesbos, für die der Umgang mit dem Tod zum Alltag gehört: Geflüchtete, die die Strände von angeschwemmten Bootsresten reinigen, Menschenknochen einsammeln oder die Habseligkeiten der Toten sortieren. Es sind mitunter  makabre, schwer verdauliche Szenen, vor denen man jedoch nicht Augen verschließen darf. Denn sie sind bittere Realität und ereignen sich auf dem europäischen Kontinent.

Besonders beklemmend gestaltet sich der Blick in die Container, in denen  die unzähligen, oft zerfetzten Schwimmwesten der Verschollenen aufbewahrt werden. Es sind stumme Zeugen eines Todeskampfes, der für die Allermeisten mit dem Tod auf dem Grund des Meeres endete. Die Ägäis ist voll mit Leichen von Flüchtlingen. Und darunter befinden sich wahrscheinlich ebenso die Angehörigen von Farzat Jamil, um dessen Familie es im zweiten Erzählstrang geht. Dafür machte sich Borgers, die auf eine einordnende Off-Kommentierung und damit jegliche Wertung verzichtet, auf den Weg nach Wien.

Dort lebt Jamil seit 2014 als anerkannter Flüchtling. 2017 kamen sein Vater und seine drei Schwestern nach. Sie alle sind vereint in der tiefen Trauer um ihre 13 Familienangehörigen, denen die erfolgreiche Überfahrt über das Meer nicht gelang. Für die Hinterbliebenen ein kaum zu bewältigendes Schicksal. Offiziell gelten sie als vermisst. Ihr Boot sank, es befindet sich in 95 Metern Tiefe auf dem Grund. Mit großem Einfühlungsvermögen und auf äußerst sensible Weise erforscht Borgers den Seelenzustand der Familie. Besonders nahe gehen die Gespräche mit dem Vater, der in einer Szene all jene Medikamente präsentiert, die er einnehmen muss, um zumindest gelegentlich zur Ruhe zu kommen. Darunter: Schmerzmittel, schwere Beruhigungsmedikamente, Schlaftabletten und etwas gegen die andauernden Kopfschmerzen.

Borgers fungiert auch hier jederzeit als stille Beobachterin, die ein großes Vertrauen zur Familie aufbaut und es schafft, wahrhaftige Empathie beim Betrachter hervorzurufen. Ihre größte Leistung aber ist, dass sie mit „The Remains“ all jenen ein Gesicht gibt, über die man in den Zeitungen und TV-Berichten sonst nur selten etwas liest oder hört: den Familienmitgliedern, für die es häufig nicht einmal ein Grab gibt, an dem sie um ihre Liebsten trauern können. 

Björn Schneider