Um jeden Preis (2015)

Kim Basinger spielt Maria, eine Geschäftsfrau mit brennendem Kinderwunsch. Als sie hört, dass an der tschechisch-deutschen Grenze schon kleine Kinder als Sexobjekte verkauft werden, macht sie sich auf, um eines zu retten. Dabei hilft Ihr Petit, ein kleinwüchsiger Junkie im Bärenkostüm. Anders Morgenthaler (PRINCESS) erzählt eine wilde Geschichte mit Genreanleihen aus dem Horrorfilm, dem Thriller und dem Sozialdrama. In kühlem Blau verfilmt vom VICTORIA-Kameramann Sturla Brandth Grøvlen .

Webseite: www.farbfilm-verleih.de

Originaltitel: The 11th Hour/I Am Here
Deutschland/Dänemark 2014
Regie: Anders Morgenthaler
Drehbuch: Anders Morgenthaler
Kamera: Sturla Brandth Grøvlen
Darsteller: Sebastian Schipper, Kim Basinger, Peter Stormare, Anouk Wagener, Robert Hunger-Bühler, Jordan Prentice, Nina Fog
Länge: 93 Minuten
Verleih: farbfilm Verleih
Kinostart: 23.07.2015
 

FILMKRITIK:

Als Debutfilm drehte der Däne Anders Morgenthaler einen drastischen Manga über einen Priester, der gegen die Pornoindustrie vorgeht. PRINCESS mit seinen expliziten Sex- und Gewaltdarstellungen und einer ultrakonservativen Message schaffte es bis nach Cannes. Der Kritik dagegen war unwohl, sie attestierte dem Film visuelle Brillianz und technische Perfektion aber auch eine verstörende moralische Ambivalenz. Rüdiger Suchsland nannt PRINCESS auf artechock sogar einen „christlichen Hassfilm“.
 
UM JEDEN PREIS hinterlässt ähnlich zwiegespaltene Gefühle. Kim Basinger spielt Maria, eine Frau, die seit vielen Jahren verzweifelt ein Kind möchte. Gleich zu Beginn des Films erleidet sie eine weitere Fehlgeburt. Wenn es nach ihrem Mann Peter (Sebastian Schipper) und ihrem Arzt ginge, wäre es die letzte. Aber Maria kann den Kinderwunsch nicht aufgeben und ihre innere Stimme gibt ihr Zuversicht. Die Stimme gehört dem toten Mädchen, das auch als Lichterscheinung durch den Film geistert und Maria Mut macht auf ein neues, anderes Kind zu hoffen, ein Kind, das erst noch gefunden werden muss. Als Maria erfährt, dass es an der tschechisch-deutschen Grenze einen mörderischen Handel mit Kindern geben soll, die bereits als Babys in die Prostitution verkauft werden, sieht sie ihren Weg vor sich. Sie fährt ins Grenzgebiet. Dort gabelt sie den kleinwüchsigen Schausteller und Junkie Petit (Jordan Prentice) auf, der ihr helfen soll, den Kontakt zu den Prostituierten und  Kinderschändernetzwerken aufzunehmen.
 
Die melodramatische Geschichte hat Morgenthaler äußerst stylisch in den kalten Blautönen und sich spiegelnden Flächen eines Hochfinanzthrillers inszeniert. Mitten darin das skurril-groteske Paar Basinger-Petit: Sie als Ex-Sex-Symbol, nun  fanatische Übermutter, deren Heiligenschein (Maria!) nie vollends überzeugt, er als gefallener Zwerg, als doppelter Außenseiter, der eine Jesus-ähnliche Erlöser- und Opferrolle einnimmt. Gegen alle Wahrscheinlichkeit werden sie ein Team, das sogar eine kurze Phase von Buddy-Glück erlebt, bevor „the Russian“ auftaucht und dem Ganzen eine zunächst brutale und schließlich völlig bizarre Wendung gibt, die den Film endgültig vom Psychodrama zum religiös inspiriert scheinenden Exploitation-Trash katapultiert.
 
Morgenthaler erzählt deftig, überraschend und, wie schon in PRINCESS, mit außerordentlich irritierenden und wirren christlichen Obertönen. Was genau er allerdings damit sagen will, ob das alles eine Idee verfolgt oder die christlichen Allegorien nur deshalb auftauchen, weil sie so schön beziehungsreich sind und Empörungspotential bieten – bleibt offen. Ähnlich wie Lars von Trier in BREAKING THE WAVES, IDIOTEN oder zuletzt NYMPH()MANIAC beschwört Morgenthaler die  assoziationsreichen Mythen, ohne selbst Position zu beziehen.
 
Hendrike Bake