Villa Henriette

A/CH 2004
R: Peter Payer
B: Milan Dor – nach Motiven des Romans „Villa Henriette“ von Christine Nöstlinger
P: MINI Film KEG, Wien & Lotus Film u.a.
D: Hannah Tiefengraber, Cornelia Froboess, Nina Petri, Lars Rudolf, Michou Friesz, Richard Skala, Elias Pressler
K: Thomas Hardmeier
Format: Farbe 35 mm, 24 fps, 1:2,35 DS
Verleih: MFA
Länge: 87 Min.
Start: 30. Juni

Das Filmland Österreich, gerade in Cannes abgefeiert, praktiziert gerne jenen skurrilen zurückgelehnten Humor, der die Menschen als Opfer der Umstände hinstellt. Hier leidet nun auch ein altes Haus, das sich als lebender Organismus präsentiert. Regisseur Peter Payer („Untersuchung an Mädeln“) setzt den Jugendroman von Christine Nöstlinger sehr eigenwillig und hellsichtig um. Nebenher legt er die österreichische Gesellschaft auf die Couch. So leichthändig und abgedreht, dass sich auch die erwachsenen Zuschauer amüsieren werden.

Einfach ist das nicht: 12 Jahre alt und nur von weggetretenen Erziehungsberechtigten umgeben zu sein. Die Erwachsenen um Marie (Hannah Tiefengraber) verlieren sich in ihrer Arbeit oder ihren Schrullen.  Die Mutter  (Nina Petri) fliegt als Stewardess durch die Welt, der Vater (Lars Rudolph) interessiert sich nur für ägyptische Mumien, die zigarrenrauchende Tante (Michou Friesz) für ihre überspannte Poesie, der Großonkel (Branko Samarovski)  für seine  Pflanzen, die Großmama  (Cornelia Froboess) für ihre Erfindungen.
Wenigstens hat das Haus etwas zu sagen. Wenn auch nur in der Wahrnehmung Maries. Es ist (mit der rauchigen Stimme von Nina Hagen) das einzige Wesen, das klare Reaktionen zeigt. Ist es traurig, lässt es die Rolläden runter fallen. Ärgert es sich, lässt es die Wasserhähne spritzen oder Putz von der Decke fallen: „Ich bin nur ein betagtes, vorlautes Haus“. Der Kühlschrank, der wie ein Enkel des Computers HAL aus „2001“ anmutet, übt sich als Seelentröster und der Mülleimer spielt Autobus.

Nun soll dieses seltsame Theater ein Ende finden: Die Großmutter hat ihr Geld einem Betrüger anvertraut, nun kann sie ihre Bankschulden nicht begleichen und das Haus steht zur Versteigerung aus. Die einzige, die etwas tun kann, ist Marie, denn die weltfremden Erwachsenen versinken ja in Apathie. Erst verwandelt sie das Haus in eine Ruine, verschüttet Wasser, stopft Blumenkohl in die Ausgüsse. Aber leider ist der Bank das Haus egal, sie will das Grundstück. Woher soll Marie die fehlenden 200.000 Euro nehmen? Erst macht sie den Betrüger (Klaus Pohl), einen skurrilen Tierwärter mit Riesenschlangen auf dem Sofa, ausfindig. Dann heckt sie mit den Nachbarjungen Konrad und Stefan, die beide um das selbstbewusste Mädchen werben, eine lukrative Erfindung aus.

Christine Nöstlinger, die „Fürsprecherin der Kinder und Jugendlichen“, die hier übrigens in der Kleinstrolle der Hausmeisterin aufkreuzt, hatte einmal gesagt: „Eltern können ihre Kinder zu Adoption freigeben, aber Kinder können ihre Eltern nicht zur Adoption freigeben.“ Folglich scheut das Mädchen Marie keinen Kraftakt, um das Leben ihrer Beschützer zur regeln. Aus ihrer Sicht leben Erwachsene ja sowieso auf einem anderen Planeten. Und genau dies setzt Peter Payer in jedem Bild um. Mit eigensinnigen, fast mysteriösen Blickwinkeln. Mit einem langsamen, fast tranceartigen Tempo, das auch die Langeweile und den Missmut der 12jährigen spiegelt. Mit gewissen Längen, die aber den Spannungsbogen halten können.

Payer verpasste der Buchvorlage ein Update: Das Haus ist nicht Jugendstil, sondern aus der Bauhauszeit, die Eltern sind nicht Friseure, die Familie wurde um einige Spinner erweitert. Es ist ein Drama aus der schönen neuen Wiener Vorstadtwelt. Ein modernes, schräges, märchenhaftes und ausgezeichnet besetztes Abenteuer, das die Begriffe „normales Familienleben“ aufs Unterhaltsamste für die Jetztzeit beackert.

DOROTHEE TACKMANN