A Man of Integrity – Kampf um die Würde

Das intensive, emotional zermürbende Drama „A Man of Integrity“ des iranischen Regisseurs Mohammad Rasulof erzählt von einem ehrlichen Familienvater, der sich in einem Netz aus Abhängigkeiten wiederfindet. Rasulof geht mit seiner iranischen Heimat hart ins Gericht und erzählt von gefestigten Machstrukturen, gewissenlosen Politikern, Käuflichkeit und der Gier nach Unterdrückung.

Webseite: www.camino-film.com

Iran 2017
Regie & Drehbuch: Mohammad Rasulof
Darsteller: Reza Akhlaghirad, Soudabeh Beizaee, Nasim Adabi
Länge: 117 Minuten
Kinostart: 02. Mai 2019
Verleih: Camino

FILMKRITIK:

Reza (Reza Akhlaghirad)  hat sich aus der Großstadt zurückgezogen und führt mit seiner Frau und seinem Kind ein beschauliches Leben. Im Einklang mit der Natur lebt er als Fischzüchter in einem Dorf im Norden Irans. Jedoch muss Reza bald feststellen, dass auch auf dem Land Korruption und Gewalt herrschen. Das Problem ist ein machthungriger Großfabrikant, der beste Beziehungen zur Regierung unterhält – und der die örtlichen Bauern und lokalen Unternehmen in die Abhängigkeit zwingen will. Reza will sich und seine Familie aus alledem heraushalten. Doch als er eines Tages seine Fische tot vorfindet, wird ihm bewusst, dass man es auch auf ihn abgesehen hat.

„A Man of Integrity“ ist der erste Film des Iraners Mohammad Rasulof seit 2013. Seit einigen Jahren ist der 46-Jährige, der sich in seinen Werken kritisch mit dem politischen System im Iran auseinandersetzt, in seiner Arbeit eingeschränkt: Denn Rasoluf steht unter Hausarrest. Außerdem wurde er in seiner Karriere bereits mehrfach zu einem Reise- und Berufsverbot verurteilt. „A Man of Integrity“ gewann 2017 in Cannes den Hauptpreis der Sektion „Un Certain Regard“.

Schon sehr früh wird klar, dass Reza umgeben ist von Menschen, die nichts auf ein reines Gewissen und Unbestechlichkeit geben. Es sind egoistische Personen, vereint in der Gier nach Macht und Geld. Wie der Bankbeamte, der ihm gleich zu Beginn des Films im Auto ein unmoralisches Angebot unterbreitet. Reza wird die Verlängerung des Bankkredits angeboten, den er einst aufnahm, um sich und seiner Familie ein Haus zu ermöglichen. Für die Verlängerung bedarf es jedoch einer finanziellen Gegenleistung – auf die sich Reza jedoch nicht einlässt.

Zu diesem Zeitpunkt ist die vielschichtige Hauptfigur tatsächlich integer. Ein ehrlicher, korrekter Mensch, der nichts mit der Kriminalität der anderen zu tun haben möchte. Das Spannendste an „A Man of Integrity“ ist die Wandlung, die Reza im Laufe des Films durchläuft. Je weiter die Handlung voranschreitet und je mehr ihn die lokalen Clans unter Druck setzen, desto klarer wird ihm: Ohne Bestechung und Korruption geht es nicht in einem Land, in dem die verbrecherischen Machenschaften der Oberen, religiöser Fanatismus und ein restriktives, kriminelles politisches System vorherrschen. Daraus macht Regisseur Rasulof keinen Hehl.

Außerdem zeichnet er das düstere Bild einer unfreien, unterdrückten Gesellschaft sowie eines von Angst und Unsicherheit bestimmten Lebens auf dem Land, in dem ehrliche Menschen wie Reza und seine Familie keine Chance haben. Bezeichnend für Rezas innere Verzweiflung und den zermürbenden Kampf  gegen den eigenen moralischen Verfall ist das explizite Schlussbild des Films, das lange nachhallt. Bis es soweit ist, staunen wir über das kraftvolle, eindringliche Spiel von Hauptdarsteller Reza Akhlaghirad, der den gesamten Film über fast keine Miene verzieht. Sein starrer Blick kündet meist von einer gewissen Nachdenklichkeit und Schwermut. Lachen wird er während der kompletten Laufzeit nicht. Wieso auch: zu trostlos gestaltet sich die eigene Situation.

Konsequent und mutig ist es, dass Rasulof keine Lösungsansätze anbietet. Hoffnung für die Beteiligten gibt es keine. Es wäre – angesichts der Ausweglosigkeit – auch wenig glaubhaft. „A Man of Integrity“ ist alles in allem ein zutiefst bewegender Film, der besonnen und emotional gewichtig eine alles entscheidende Frage stellt:  Wie soll ein Mann seine Integrität bewahren, wenn das opportunistische System das Leben seiner Familie bedroht?

Björn Schneider