Aardvark

Man darf es dem Regiedebütanten Brian Shoaf anrechnen, dass er mit seinem Debütfilm „Aardvark“ nicht auf Nummer sicher geht. Wo Kinoneulinge oft beflissen die „Regeln“ des Filmemachens befolgen, um ja nicht aus dem Rahmen zu fallen, zieht Shoaf sein eigensinniges Konzept durch. Auch wenn das bedeutet, dass das mit Zachary Quinto („Margin Call“), Jon Hamm („Mad Men“) und Jenny Slate („Hotel Artemis“) prominent besetzte Psycho-Drama nie so recht erkennen lässt, worauf der Regisseur überhaupt hinauswill. Ein experimentierwilliges Publikum kann dem deutungsoffen-verschwurbelten Ergebnis trotzdem eine Chance geben – denn manchmal kann etwas Unvollkommenes durchaus reizvoll sein.

Webseite: aardvark.kinostar.com

USA 2017
Drehbuch & Regie: Brian Shoaf
Darsteller/innen: Zachary Quinto, Jenny Slate, Jon Hamm, Sheila Vand, Tonya Pinkins, Dale Soules, Marin Ireland, Peter Grosz
Laufzeit: 89 Min.
Verleih: Kinostar
Kinostart: 22. August 2019
 

FILMKRITIK:

Josh und Craig (Zachary Quinto, Jon Hamm) sind Brüder, die kaum unterschiedlicher sein könnten. Der introvertierte Josh leidet an einer psychischen Erkrankung, die mit Halluzinationen einhergeht. Craig führt hingegen ein scheinbar perfektes Leben als Star einer beliebten Fernsehserie. Seit Jahren haben die beiden keinen Kontakt. Doch als Josh mitbekommt, dass sein Bruder aktuell in der Heimatstadt verweilt, sieht er ihn plötzlich gleich mehrfach – allerdings in verschiedenen Gestalten. Dass sich der labile Josh das nur zusammenphantasiert, liegt auf der Hand. Nicht einmal der Gebeutelte selbst bezweifelt das. Also konsultiert er die junge Therapeutin Emily (Jenny Slate), die sich auf eine Affäre mit Craig einlässt, während Josh eine zarte Bande zur geheimnisvollen Hannah (Sheila Vand) aufbaut. Ob Hannah allerdings real ist oder ebenfalls erdacht, ist die Frage…

Gleich zu Beginn sehen wir ein Erdferkel (englisch: aardvark) in seinem Bau. Die Szene spielt in einem Zoo, den Josh und Craig als Kinder besuchten. Auf die Erinnerung kommt der Autor und Regisseur Brian Shoaf wiederholt zurück, wobei sich die Stimmung der Szene jeweils ändert. War der Zoobesuch der Brüder nun schön oder nicht? Wer weiß. Nicht mal die, die dabei gewesen sind, dürften sich darüber einig sein.

Generell bleibt vieles an „Aardvark“ nebulös. Im Prinzip könnte auch jedes andere Ereignis die Halluzinationen hervorrufen: Ein Schlag auf den Hinterkopf vielleicht, oder Drogen. Letztlich dient die nicht näher definierte psychische Verwirrung Brian Shoaf vor allem dazu, eine rätselhafte Stimmung herzustellen, bei der das Reale und das Imaginierte munter ineinander fließen und die Erzählung unzuverlässig ist.

So wirkt der um das Thema Einsamkeit kreisende Film recht unentschieden und zerfahren; eben ganz so, wie Joshs korrumpierte Wahrnehmung selbst. Filmisch hat Brian Shoaf sein Debüt indes konventionell gestaltet, mit einer übersichtlichen Montage, einem klassischen Bildaufbau und vielen Dialogen. Was „Aardvark“ vor der blanken Theorie bewahrt, ist das – gerade für ein Debüt – ausgewählte Ensemble um Zachary Quinto, Jenny Slate und Jon Hamm. Letztlich sind die schauspielerischen Leistungen der Kit, der das Ganze zusammenhält, als die Hoffnung auf den alles zurecht rückenden Aha-Moment längst gestorben ist – auch wenn Brian Shoaf in einer Szene genau das andeutet.

Christian Horn