Amateurs in Space

Peter Madsen. Ein Name, der in Deutschland bis vor kurzem nur wenigen bekannt war, bis er wegen Mordverdacht auch hierzulande in die Schlagzeilen geriet. In seiner dänischen Heimat waren Madsen und sein ehemaliger Kompagnon Kristian von Bengtson kleine Berühmtheiten, denn sie wollten als Privatleute ins All fliegen. Wie das scheiterte, davon erzählt Max Kestner in seiner Dokumentation „Amateurs in Space“, die oft ähnlich dick aufträgt wie Madsen selbst.

Webseite: www.one-filmverleih.de

Dokumentation
Dänemark 2016
Regie & Buch: Max Kestner
Länge: 93 Minuten
Verleih: One Filmverleih
Kinostart: 9. November 2017

FILMKRITIK:

Die Geschichte hat Max Kestners schon seit längerem fertig gestellten Film überholt und macht es unmöglich, die in „Amateurs in Space“ gezeigten Ereignisse zu betrachten, ohne auch daran zu denken, was in den letzten Wochen geschehen ist. Wenn da im Film der Bruder von Peter Madsen sagt „Ich will mir nicht vorstellen, was als nächstes kommt“, dann redet er von der nächsten Idee seines Bruders, dem nächsten irrwitzig anmutenden Projekt, mit dem Madsen in Dänemark offenbar zu einer kleinen Berühmtheit geworden ist.
 
Offenbar, denn vom Bild, das in der dänischen Öffentlichkeit von Peter Madsen und seinem Kompagnon Kristian von Bengtson existiert, erfährt man nichts, allein einige Ausschnitte aus internationalen Nachrichtensendungen deuten an, dass das Duo für gewisse Furore gesorgt hat. Und zwar mit dem Versuch, eine Rakete zu bauen, mit welchem Ziel allerdings, das verheimlicht Max Kestner in seinem Film ein wenig. Bilder aus den Anfangszeiten der Raumfahrt, als die gigantischen Saturn-Raketen die ersten Menschen ins All schossen, Amerika sich mit Russland einen Wettlauf leistete, Milliarden in die Entwicklung von Raumfahrzeugen gesteckt wurden, um als erster einen Menschen auf den Mond zu schicken, suggerieren – ebenso wie der Titel „Amateurs in Space“ – das Madsen und Bengston ähnliches vorhatten. Dabei reicht eigentlich schon ein Blick auf den Namen ihrer Firma, um das Unternehmen etwas realistischer wirken zu lassen: Copenhagen Suborbitals – Kopenhagener Suborbitalgesellschaft heißt die, vom Weltall ist also hier gar nicht die Rede. Doch auch einen Menschen in weit weniger geringe Höhen zu schicken als die 100 km, ab der offiziell der Weltraum beginnt, ist mit den einfachsten Mitteln, denen sich zwei Privatleute bedienen können, eine schwierige Aufgabe.
 
An der das Duo Madsen/ Bengston ziemlich krachend scheiterte, aus technischen Gründen, aber auch ihrer unterschiedlichen Charaktere wegen. Aus dem Konflikt zweier Egos versucht Max Kestner die Spannung seines Films zu konstruieren, was nur bedingt gelingt. Vielleicht sind beide Männer einfach zu nordisch reserviert, sind selbst im Streit zu zivilisiert, als das hier wirklich Material für einen Film wäre, der vom Scheitern einer Vision erzählt. Und das obwohl Kestner augenscheinlich jahrelang praktisch uneingeschränkten Zugang zu dem Duo und ihrer Freunden und Kollegen hatte.
 
Und dann sind da die aktuellen Ereignisse, die den Blick auf den Film verändern: Auf seinem selbstgebauten U-Boot – ein Projekt, an dem Madsen schon lange vor den Raketenplänen arbeitete – kam eine schwedische Journalistin ums Leben, wie, das wird demnächst wohl vor Gericht verhandelt werden. Doch das Madsen aus welchen Gründen auch immer, die Leiche beseitigen wollte, scheint unbestreitbar, möglicherweise als Folge seines heißblütigen Temperament, das auch in „Amateurs in Space“ immer wieder angedeutet wird, wenngleich es stets unter Kontrolle bleibt, aber das ist reine Spekulation.
 
Spekulationen allerdings, die mit all ihren menschlichen Abgründen und unvorstellbaren Taten, Stoff für einen Film wären, sei es eine Dokumentation oder einen Spielfilm (der sicherlich bald gedreht wird, ob in Dänemark oder in Hollywood), die weit über die Konflikte hinausgehen, die in „Amateurs in Space“ angerissen werden.
 
Michael Meyns