Art Girls

"Keine Angst, es ist Kunst!"
Robert Bramkamp zeigt in seiner artifiziellen Science Fiction-Satire um drei Künstlerinnen und zwei ziemlich merkwürdige Zwillingsbrüder vor allem gut komponierte Bilder in einer komplizierten Handlung. Es geht um Kunst allgemein sowie um die Auseinandersetzung damit, ob und wie Kunst wirken soll und darf, nebenbei um Berlin, Hamburg, Männer, Frauen, ein bisschen Liebe und etwas Sex. Eine klassisch erzählte Geschichte gibt es nicht. Das ist schade, denn sowohl die ideenreichen Special Effects als auch die im Film präsentierte Kunst hätten ein größeres Publikum verdient. Immerhin bringt eine High Tech-Version von King Kong den Berliner Fernsehturm zum Einsturz!

Webseite: http://artgirls.eu/

Deutschland 2013
Drehbuch und Regie: Robert Bramkamp
Kamera: Sebastian Egert
Darsteller: Inga Busch, Peter Lohmeyer, Megan Gay, Jana Schulz
120 Minuten
Verleih: realeyz Arthouse Cinema
Kinostart: 09.04.2012
 

FILMKRITIK:

Nikita Neufeld ist Künstlerin und pleite, ebenso ihre Freundin und Kollegin Una Queens, eine Amerikanerin, die wie Nikita schon lange in Berlin lebt. Beide sehen in einem gemeinsamen Projekt eine große, vielleicht ihre letzte Chance: Sie können bei ART GATE ausstellen – einer Veranstaltung, die von dem Biotech-Konzern Morphocraft gesponsort wird. Die Dritte im Bunde wird die erfolgreiche Fiona da Vinci. Chefs von Morphocraft sind die Zwillingsbrüder Peter und Laurens Maturana, die mit Kunst ansonsten nichts am Hut haben. Sie sind Wissenschaftler und wollen die Künstlerinnen und ihr Werk für ihre eigenen Zwecke ge- bzw. missbrauchen. Mit ihren Experimenten versuchen sie ihre Technik der Biosynchronisation weiterzuentwickeln, für die sie es nun mit der Kunst ausprobieren wollen: Durch Bestrahlung werden Menschen so programmiert, dass sie nicht mehr als Individuum, sondern in der Gruppe als Gesamtwesen agieren. Aber das Experiment geht schief, wobei nicht nur der Berliner Fernsehturm dran glauben muss …

Was sich hier möglicherweise einigermaßen logisch liest, präsentiert sich im Film als relativ sperriger und sehr unübersichtlicher Stoff, in dem zu viel gesagt und zu wenig erzählt wird. Praktisch jedes Thema der modernen Kunst wird angesprochen und in extenso ausgebreitet, als hätte jemand eine Liste abgearbeitet, mit deren Hilfe sämtliche Missverständnisse in Bezug auf Kunst und Kunstverständnis vorgestellt werden müssten. Als lockerer roter Faden dienen einige Tarotkarten, deren Motive die folgenden Szenen wie eine Überschrift betiteln könnten.

Dazu agieren die Schauspieler – unter ihnen immerhin Peter Lohmeyer in der Doppelrolle der Zwillinge – mit extremer, angestrengter Künstlichkeit, was sicherlich beabsichtigt ist, aber den artifiziellen Charakter des Films noch verstärkt. Echte Töne waren offenbar nicht erwünscht, ebenso wenig ein Drehbuch, das die Ansprüche eines durchschnittlichen Arthouse- Kinopublikums bedient. Zwischen Platituden blitzt hier und da Philosophisches hindurch, gelegentlich wird Ironie sichtbar, aber auch die Grenze zum unfreiwilligen Humor wird öfter als notwendig überschritten.

Die Wiederholung ganzer Passagen, ein mittlerweile eher fragwürdiges Stilmittel, möchte vielleicht beschwörend wirken, ist aber eher lästig. Weniger wäre hier deutlich mehr gewesen – zwei lange Stunden dauert das Spektakel, das als Kurzfilm oder zumindest mit einem klassischen Drehbuch ein Meisterwerk hätte werden können. Selbst kunsthistorisch gebildete Cineasten sollten sich also auf einen anstrengenden Kinoabend einstellen, der unentschlossen zwischen Science Fiction, Horror, Love Story und Satire schwankt, so wie das Drehbuch zwischen theatraler Dramatik und bemüht volksnahen Dialogen, was gelegentlich einen durchaus sinistren Charme entwickeln kann. So schöne Sätze wie „Der Vertrag wird durch Sex mit dem Kurator gültig“, hätten dabei sehr gut häufiger vorkommen können.

Wer bereit ist, sich auf den Genremix einzustellen, wird mit außergewöhnlichen und außergewöhnlich schönen Bildern belohnt. Was ihm an inhaltlicher Präzision und an Konzentration auf das Wesentliche fehlen mag, macht Robert Bramkamp mit visuellen Effekten wieder wett. Hier wird großartige moderne Kunst gezeigt – zusammengestellt und zu Teilen selbst geschaffen von der Künstlerin und Art Direktorin Susanne Weirich. Sie ist als Medien- und Installationskünstlerin bekannt und zeigt unter anderem fliegende Kröten, einen trickreichen Handtuchautomaten, der Filmdialoge spricht, sowie einen wie aus dem Metallbaukasten zusammengesetzten King Kong, der als Kollektivwesen den Berliner Fernsehturm erst besteigt und dann zerstört. Das macht dann richtig Spaß, und der gehört bekanntlich zur Satire.

Gaby Sikorski