Cleopatra (Animerama-Trilogie #2)

Der zweite Teil der Animerama-Reihe folgt drei Agenten aus der Zukunft, die eine Zeitreise ins alte Ägypten unternehmen. Sie werden Zeugen der Begegnung zwischen Kleopatra und Caesar, Kleopatras Aufstieg zur Macht und der Ermordung Caesars. Osamu Tezuka und Eiichi Yamamoto erzählen die wohl berühmteste Liebesaffäre der Geschichte als psychedelisch-grotesken Rausch, der wild zwischen Klamauk, Gewalt und Verführung oszilliert.

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Japan, 1970
Regie: Osamu Tezuka, Eiichi Yamamoto
Buch: Osamu Tezuka, Shigemi Satoyoshi
Länge: 112 Minuten
Verleih: Rapid Eye Movies
Kinostart: 07. Juni 2018
 

FILMKRITIK:

Dass ein Film mit dem Titel „Cleopatra“ eine Reise durch die Geschichte unternimmt, ist keine Überraschung. Dass eben diese Reise in einer futuristischen Weltraum-Station beginnt, schon eher. Die Rahmenhandlung, mit der Osamu Tezuka und Eiichi Yamamoto ihren Anime-Klassiker beginnen, ist ein überdeutlicher Hinweis, dass keiner von beiden an einer historischen Aufbereitung der Antike interessiert ist. So werden also drei Agenten aus der Zukunft zurück durch die Jahrtausende geschickt, um im Umfeld Kleopatras die Strategie auszuspionieren, mit deren Hilfe eine Alien-Spezies die Menschheit vernichten will. In der Antike finden die Ereignisse zwar weitgehend ohne Zutun der Agenten statt, doch der Ton für die kommenden Ereignisse, die sich um die wohl berühmteste Liebesaffäre der Historie abspielen, ist gesetzt.

„Cleopatra“ entspinnt sich als psychedelische Erzählung um Macht, Begierde und Blödeleien. Bereits bei der ersten Begegnung zwischen dem römischen Staatsmann und der ägyptischen Thronfolgerin driftet der Film in ein Liebesdelirium ab. Kleopatra, die gerade von einem antiken Schönheitschirurgen aufgemotzt wurde, verführt Caesar. Der Liebesakt wird in Gestalt zweier Linien auf die Leinwand gebracht. Pulsierend winden sie sich umeinander, formen sich zu Körperteilen und umspielen einander in abstrakter Form.
Für Kleopatra ist die Affäre zu Caesar weniger mit Lieber verbunden, sondern vielmehr der Schlüssel zur Verteidigung Ägyptens gegen Rom und der Konsolidierung ihrer Macht. So folgt der Film dem Narrativ, das auch diverse Hollywood-Klassiker aufgreifen, jedoch ohne sich dabei wirklich auf Figurenpsychologie oder historische Signifikanz der Ereignisse zu fokussieren. Das angestrebte Konzept der historischen Nacherzählung ist immer die formale Freiheit, in die Versatzstücke anderer Genres und Künste eingepflanzt werden können. Wohl am prägnantesten zeigt sich das bei Kleopatras Ankunft in Rom. Caesar lässt ihr zu Ehren eine Parade abhalten, die durch die Stilrichtungen der Kunstgeschichte führt: Impressionismus, Kubismus, Surrealismus, Dadaismus und abstrakte Kunst fliegen durch das Bild, nur unterbrochen von Varianten berühmter Kunstwerke, wie Rodins Denker und einer halbnackte Mona Lisa.

Es ist die Freiheit der Form, die solche Sequenzen ermöglicht und gleichzeitig die Stringenz aus der Erzählung nimmt. Viele der fantastischen Exkurse wirken wie in sich geschlossene Kunstwerke. So auch die schönste Szene des Films, die Caesars Ermordung im Theater des Pompeius als animierte Kabuki-Performance zeigt. Nach seinem imposanten Auftritt, der in eine charakteristische Pose des traditionellen japanischen Theaters mündet, attackieren die Verschwörer ihn mit Schriftrollen. Caesar kann sie so lange abwehren, bis Brutus ihn schließlich mit seinem Gladius niedersticht. Der Vorhang schließt sich hinter Caesar, das Blut auf seinem Gesicht zerläuft zum Muster einer Kabuki-Maske.

Nach Caesars Tod wendet sich Kleopatras „erotischer Widerstand“ gegen Marcus Antonius, der, anders als sein Vorbild und Vorgänger, als trotteliger und doch fast zärtlicher Liebhaber gezeichnet wird. Die klamaukigen Spielereien im Schlafzimmer werden schließlich von der wahnwitzigen finalen Schlacht zwischen Antonius und Octavian abgelöst. Auch hier versuchen Yamamoto und Tezuka gar nicht erst den Krieg als etwas begreifbares darzustellen. Denn genau in dieser Gestalt ist „Cleopatra“ am schlagendsten – als ein groteskes, absurdes Zerrbild der Geschichte.

Karsten Munt