Contemporary Past – Die Gegenwart der Vergangenheit

Ist die Vergangenheit irgendwann abgeschlossen? Wie kann Erinnerungskultur weitergehen, wenn die letzten Augenzeugen gestorben sind? Was können junge Menschen heute von der Vergangenheit lernen und mit diesem Wissen die Zukunft verändern? Vielfältige Fragen stellt Kamil Majchrzak in seinem essayistischen Dokumentarfilm „Contemporary Past – Die Gegenwart der Vergangenheit“, der in Buchenwald seinen Anfang nimmt, aber nicht endet.

Trailer: https://vimeo.com/389353145

OT: Teraźniejszość Przeszłości
Deutschland/ Polen 2019 – Dokumentation
Regie & Buch: Kamil Majchrzak
Länge: 61 Minuten
Verleih: Les Funambules Filmproduktion
Kinostart: 1. Oktober 2020

FILMKRITIK:

Mit Rollkoffern und Umhängetaschen kommen sie in Berlin an, fahren dann weiter nach Süden, nach Weimar, mit dem Ziel Buchenwald: Schüler und Schülerinnen, 17, 18 Jahre alt, die wie so viele Schulklassen vor und nach ihnen eines der Konzentrationslager auf deutschem Boden besuchen, als nicht immer freiwilliges Pflichtprogramm, um etwas über die Geschichte zu lernen. Doch in diesem Fall ist manches anders, denn die Schüler, die sich versammeln, stammen aus unterschiedlichen Ländern, sind Teil eines Projektes, dass sich nicht nur mit der scheinbar abgeschlossenen Vergangenheit beschäftigt, sondern versucht zu begreifen, wie diese Vergangenheit auch die Gegenwart beeinflusst.

Aus Weimar kommen die Schüler, vor allem aber auch aus Polen und Rumänien, Ländern, in denen ebenso wie in Deutschland, Diskriminierung von Minderheiten wieder zunehmen, eine Form von Rassismus grassiert, die längst überwunden schien. Nicht nur aber auch richtet sich diese Diskriminierung gegen eine Gruppe, die in ganz Europa zu finden ist, aber nirgendwo wirklich zu Hause ist: Sinti und Roma. Auch in der Gedenkstätte des nur ein paar Kilometer vom Zentrum der deutschen Kulturstadt Weimar gelegenen Konzentrationslagers Buchenwald, finden sich Spuren von Sinti und Romas, Überbleibsel ihrer Gefangenschaft und Ermordung. So wie andere Minderheiten auch, wurden sie von den Nationalsozialisten verfolgt und ermordet, haben im Gegensatz zu anderen aber kaum eine Lobby und werden in der Erinnerungskultur oft übersehen.

Um ein Aufrechnen von Opfergruppen, von Todeszahlen geht es in „Contemporary Past – Die Gegenwart der Vergangenheit“ jedoch in keiner Weise. Behutsam tastet sich der aus Polen stammende, seit längerem in Deutschland lebende Regisseur Kamil Majchrzak an sein Thema heran, beobachtet anfangs die Schüler bei ihrem Besuch in Buchenwald, bei Projekten, die mittels unmittelbarer Konfrontation mit Objekten die Abstraktion des Unvorstellbaren zu überwinden suchen. Bald jedoch öffnet sich der Blick des Films, schwenken auch die Gedanken der Schüler in Formen der Diskriminierung der Gegenwart. In Flüchtlingsunterkünften, Baracken und notdürftigen Behausungen in Rumänien und Deutschland kommen Sinti und Roma zu Wort, die Nachkommen derjenigen sein könnten, die vor so vielen Jahrzehnten in Buchenwald interniert waren, bevor sie nach Osten transportiert wurden, mit dem Ziel Auschwitz.

Die gegenwärtige Diskriminierung ist einerseits kaum mit der zu vergleichen, die im Dritten Reich herrschte, andererseits sind Parallelen nicht zu übersehen. Wiederholt sich hier Geschichte? Haben wir nichts aus der Vergangenheit gelernt? Diskussionswürdige Fragen wirft Kamil Majchrzak in seinem kurzen, dichten Film auf, Fragen, denen sich gerade die deutsche Gesellschaft stellen muss.

Michael Meyns