Democracy – Im Rausch der Daten

Wem gehören unsere im Internet preisgegebenen Daten? Wer soll sie schützen? Und was wiegt schwerer: die Privatsphäre des Einzelnen oder die kommerziellen Interesse der Unternehmen? All diesen Fragen geht Filmemacher David Bernet mit seiner beachtlichen, bestechenden Doku "Democracy" auf den Grund, die europapolitische Akteure bei der Entstehung eines Datenschutzgesetzes begleitet. Dabei macht der objektive, informative Film vor allem zwei Dinge deutlich: dass es auf die Frage nach der Vereinbarkeit von Datenschutz bzw. digitaler Identität und Wirtschaft keine einfache Antwort gibt und zum anderen, wie unglaublich komplex und langwierig sich Gesetzgebungsprozesse in der EU gestalten. Ein gutes Lehrstück darüber, wie Politik funktioniert.

Webseite: www.democracy-film.de

Deutschland, Frankreich, Belgien, Niederlande 2015
Regie: David Bernet
Drehbuch: David Bernet
Länge: 100 Minuten
Verleih: Farbfilm Verleih
Kinostart: 29. Oktober 2015

FILMKRITIK:

Bürgerrechte versus Wirtschaftsinteressen, Privatperson kontra Unternehmen. Ein immer wieder ausgefochtener Kampf, der jedoch bzgl. keines anderen Aspekts von solcher Aktualität und Dringlichkeit ist wie beim Thema "Daten und Datenschutz". Schon längst gelten Daten als das Öl des 21. Jahrhunderts, als die Währung des neuen Jahrtausends. Und das Thema betrifft uns alle. Egal, ob wir uns in sozialen Netzwerken bewegen und Infos über uns Preis geben, online diverse Einkäufe tätigen oder per Online-Banking den aktuellsten Dauerauftrag einrichten: ein jeder von uns hinterlässt im Netz eine gewaltige Spur an diesem neuen Öl, jeder User hinterlässt – ob er will oder nicht – einen digitalen Fußabdruck.

Mit diesen Spuren gelingt es Unternehmen und den großen Playern der Online-Branche wie Google, Amazon oder Facebook, personenbezogene, individuelle Daten zu sammeln, auszuwerten und letztlich Unternehmen damit zu versorgen, die mit diesen wertvollen Infos gezielter potenzielle Kunden und Käufer ansprechen können. In der hochaktuellen, faszinierenden Doku "Democracy" geht es letztlich auch genau um diese Frage. Was wiegt schwerer: das Recht der Bürger auf Privatsphäre oder die umsatzbezogenen Interessen der Wirtschaft? Regisseur David Bernet wagt dafür einen ausführlichen, seltenen Blick in das Innere der Machtzentrale: die EU-Kommission in Brüssel. Er folgt fünf Personen bzw. politischen Akteuren bei der Entstehung eines allgemein gültigen, europäischen Datenschutzgesetzes zur Stärkung eines der menschlichen Grundrechte: dem Recht auf Schutz der Intims- und Privatsphäre.

"Democracy" ist gleich in mehrerer Hinsicht eine ganz außergewöhnliche, äußerst gelungene Doku. Zunächst gelingt es zum ersten Mal überhaupt, die Tür in eine bis dato nahezu undurchdringliche Welt aufzustoßen: die Tür zu den Entscheidungsprozessen und Gesetzgebungsverfahren innerhalb des komplexen Systems EU. Wie langwierig, kompliziert und vor allem anstrengend und aufreibend diese sein können, macht der Film auf nachhaltige Weise und sehr eindringlich deutlich. Bernet folgt den fünf Akteuren – u.a. EU-Justiz-Kommissarin Viviane Reding und dem jungen Grünen-Abgeordneten Jan Philipp Albrecht – bis in die Plenarsäle, Sitzungsräume, die Geschäftsbüros, ist bei angeregten Diskussionen, bei den Versuchen, die passenden Formulierungen für die Argumente und Beweggründe zu finden und ebenso im privaten Rückzugsraum dabei.

Dies ist eine weitere Besonderheit des Films: er zeigt die Protagonisten immer wieder auch nach den anstrengenden Debatten und Sitzungen, etwa wenn der Politiker Albrecht in Hamburg (dort unterhält er als Europaabgeordneter ein Regionalbüro) auf einer Parkbank sitzt und sich mit einer Bekannten über die Datenschutz-Thematik unterhält oder wenn ein Wirtschaftsrechtler im Anschluss an eine Tagung in einem Park noch diverse geschäftliche Telefonate zu führen hat. Dies alles zeigt, wie sehr diese Tätigkeit für Europa und die Rechte der europäischen Bevölkerung Einzug in den privaten Raum der handelnden Akteure und Politiker hält. "Democracy" ist des Weiteren ein extrem objektiver, jegliche Seiten und Facetten der Thematik beleuchtender Film, der sie alle zu Wort kommen lässt: Bürgerrechtler, Non-Profit-Organisationen, Wirtschaftsvertreter, Datenschützer, Politiker und die Finanzdienstleister.

Am Ende zeigt sich deutlich: eine einfache politische Lösung für das Datenschutzproblem und schnelle Antworten auf die dringendsten Fragen der Datenschutz- bzw. Privatsphären-Debatte gibt es nicht. Die Frage nach der Vereinbarkeit von Wirtschaft, Menschenrechten und Innovation ist eine der schwierigsten unserer Zeit und bis heute nicht geklärt. Ein Gesetz ist nach wie vor nicht auf den Weg gebracht. Sicher ist lediglich: unsere Daten sind sensibel und machen den Menschen durchlässiger und gläserner als je zuvor, oder, wie es an einer Stelle des Films heißt: "Wenn Daten das neue Öl sind, dann ist Datenschutz der neue Umweltschutz".