Der Geburtstag

Zwischen Exfrau, Teilzeit-Kind und neuer Freundin ist Matthias (Mark Waschke) vor allem überfordert und genervt. Als auf der Geburtstagsfeier seines Sohnes Lukas ein Junge am Abend nicht abgeholt wird und er sich auf den Weg macht, um ihn nach Hause zu bringen, entwickelt sich aus der Alltagssituation eine allegorische Reise in Schwarzweiß, die Matthias die Augen für den eigenen Sohn öffnet.

Webseite: www.wfilm.de/der-geburtstag

Deutschland 2019
Regie: Carlos A. Morelli
Darsteller: Mark Waschke, Anne Ratte-Polle, Anna Brüggemann
Verleih: W-film Distribution
Länge 98 Min.
Start: 25. Juni 2020

FILMKRITIK:

Matthias (Mark Waschke) ist genervt. Leise fluchend manövriert er seinen Vintage BMW durch den Verkehr, während er seiner Freundin Katharina (Anna Brüggemann) am Telefon versichert, jaja, er werde heute Abend natürlich zu ihrer Premiere kommen. Katharina ist auch genervt, es hört sich so an, als wäre sie schon öfter versetzt worden. Matthias murmelt etwas von einer wichtigen Konferenz, dabei ist er auf dem Weg zu seinem zehnjährigen Sohn Lukas, der schon auf den Schulstufen auf den Vater wartet. Heute ist Lukas Geburtstag, aber das Geschenk hat Loser-Teilzeit.-Vater Matthias vergessen. Immerhin hat er gerade noch an den Kuchen gedacht und kann so Kuchen und Sohn bei seiner Exfrau Anna (Anne Ratte-Polle) abliefern, die schon, ebenfalls ziemlich genervt, inmittten der Kindergeburtstagsvorbereitungen auf die beiden wartet.

Ein ganz normaler Kindergeburtstag bildet den Handlungsrahmen von „Der Geburtstag“. Es soll draußen gefeiert werden, dann regnet‘s, dann kommt keiner, dann alle auf einmal. Die Eltern sind gestresst, aber die Kinder haben Spaß. Abends wird eins nach dem anderen abgeholt, nur der kleine Julius nicht, der neu in der Klasse ist. Anna und Matthias versuchen vergeblich, Julius‘ Mutter zu erreichen, und schließlich fährt Matthias den Kleinen kurzerhand nach Hause, um ihn persönlich dort abzugeben. Die Tour durch die Nacht entwickelt sich zu einem kafkaesken Unterfangen. Zunächst vermeint Matthias, Julius‘ Mutter in einer Theaterloge zu erkennen, doch die Frau reagiert, als hätte sie keinen Sohn. Dann ist Julius auf einmal verschwunden und noch ein paar Szenen später rennen die beiden in einem großbürgerlichen Haus scheinbar endlose Treppen entlang, während eine Nachbarin hinter ihnen her keift.

Regisseur Carlos A. Morelli hat seinen zweiten Langfilm „Der Geburtstag“ in Schwarzweiß gedreht und bei Orten, Ausstattung und Kostümen auf ein zeitloses Retro-Flair gesetzt. Die Kacheln in Katharinas Küche, Matthias‘ Auto und die holzgetäfelte Konditorei, in der ein Konditoreifräulein mit hochgesteckten Haaren die Nase rümpft, würden in die 50er Jahre passen, aber auch in eine stilverliebte Gegenwart. In den glänzenden Pflastersteinen Halles spiegeln sich die Straßenlaternen, während zum Jazz-Score ein wenig Nebel von rechts ins Bild weht.

Die stilisierte Bildgestaltung überführt das Alltagsgeschehen in eine allegorische Geschichte. Matthias begibt sich mit Julius auf eine letztendlich vor allen innere Reise, die ihm den Blick für den eigenen Sohn öffnet. Die Figuren bleiben dabei allerdings ebenfalls allegorisch auf Typen und wenige emotionale Grundtöne reduziert: Mutter Anna ist genervt und fürsorglich. Freundin Katharina genervt und überspannt. Sohn Lukas und Gastkind Julius sind vor allem Anlass für Matthias‘ schlechtes Gewissen, und Matthias selbst ist mit solcher Hartnäckigkeit genervt und selbstbezogen, dass es schwerfällt, seine psychologische Wandlung zum anwesenden Vater nachzuvollziehen und ernst zu nehmen. Ein – noch dazu nicht besonders guter – Witz mit dem Sohn macht noch keinen Sommer.

Hendrike Bake