Die Abmachung

Stine ist Witwe und lernt eines Tages den attraktiven Roger, der vorgibt, Handwerker zu sein. Das passt gut, denn zwei Dinge hätte die Frau dringend nötig: menschliche Wärme und eine helfende Hand, die den Boden und das Dach repariert. Bald geht der geheimnisvolle Fremde im Haus ein und aus und nur Stines Tochter merkt zunächst, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Das deutsche Psycho-Drama „Die Abmachung“ besticht durch seine fabelhafte Hauptdarstellerin und die behutsame Spannungssteigerung, die in einem mitreißenden Finale mündet. Davor funktioniert der Film blendend als das emotionale Psychogramm einer gebrochenen Seele.

Webseite: www.der-filmverleih.de

Deutschland 2015
Regie: Peter Bösenberg
Drehbuch:  Peter Bösenberg, Melanie Andernach
Darsteller: Stine Stengade, Alex Brendemühl, Antonia Lingemann, Robert Alexander Baer
Länge: 87 Minuten
Verleih: Der Filmverleih
Kinostart: 09. Februar 2017

FILMKRITIK:

Ein Jahr ist seit dem Tod ihres Mannes vergangen, als Stine (Stine Stengade) die Bekanntschaft mit Roger (Alex Brendemühl) macht. Roger sagt, er sei Handwerker und hat stets seinen Sohn Kevin (Robert A. Baer) im Schlepptau. Einen Handwerker können Stine und Tochter Stefanie (Antonia Lingemann) tatsächlich gut gebrauchen: seitdem ihr Mann verstarb, ist das Haus immer mehr verkommen. Und das Geld für die Reparaturen hat Stine nicht. Roger bietet ihr daher etwas ebenso Ungewöhnliches wie Verlockendes an: er verlangt für seine Hilfe kein Geld. Lediglich ein warmes Essen und ab und zu eine warme Dusche für sich und seinen Sohn, hätte er gerne. Die Abmachung steht und die Zwei kommen sich auch privat bald näher. Schnell merkt jedoch Stefanie, dass mit Roger und Kevin etwas nicht stimmt. Doch als sie das Haus verlassen sollen, weigern sie sich, zu gehen.

Fremde Personen, die sich – zunächst – als hilfsbereite Zeitgenossen erweisen und sich im Leben und Haus ihres nichts ahnenden Opfers einquartieren. Diese Grundkonstellation war schon oft Ausgangspunkt und Inhalt mitreißender Psycho-Thriller, u.a. von „Fremde Schatten“ und „Cold Creek Manor“. Thematisch ganz ähnlich gelagert ist nun auch die deutsche Produktion „Die Abmachung“ von Filmemacher und Drehbuchautor Peter Bösenberg. Der in Köln lebende Künstler konzentrierte sich in den letzten Jahren verstärkt auf die Fotografie. Sein letzter Film, „Die österreichische Methode“, liegt acht Jahre zurück. Premiere feierte „Die Abmachung“ im letzten Jahr beim Hofer Filmfest.

Anders als die oben genannten Filme mit ähnlichem Inhalt, legt Bösenberg seinen Schwerpunkt – vor allem in der ersten Filmhälfte – auf den dramatischen Aspekt. Im Zentrum des Films steht eine Frau (zart und zerbrechlich: die dänische Schauspielerin Stine Stengade), die nach dem Tod ihres Mannes noch längst nicht wieder zurück ins Leben gefunden hat. Die vielen Baustellen im Haus stehen dabei stellvertretend für das konfuse, „defekte“ Gefühlsleben der allein erziehenden Witwe. Eine treffende metaphorische Entsprechung, die Regisseur Bösenberg hier findet. Stine hat daher tatkräftige männliche Unterstützung dringend nötig. Ein Glück steht eines Tages Roger vor der Tür, der Stines Not, und ihr Verlangen nach menschlicher Zuneigung, schamlos ausnutzt.

Zunächst ist Stine heilfroh, jemanden wie ihn gefunden zu haben. Zudem kommen sie auch sehr schnell zur Sache. Unerwartet und bereits nach fünf Minuten, geben sich Stine und Roger ihren Gelüsten hin. Ein harter Schnitt. Aber nicht verwunderlich: Zwei einsame Seele, die sich in ihrer Suche nach Zuneigung und familiärer Geborgenheit, zunächst gar nicht so unähnlich sind. Doch im Laufe der Zeit wandelt sich dies. Spätestens dann, wenn der Film nach der Hälfte seinen Ton deutlich verschärft und sich zum spannenden, mitreißenden Psycho-Thriller entwickelt. Der Zuschauer bangt mit Stine und stellt sich die bald die Frage: wird sie den mysteriösen Fremden, der immer deutlicher Besitzansprüche an Stine und ihr Leben stellt, je wieder los?

Mitreißender Höhepunkt der unheilvollen, stimmungsvollen zweiten Filmhälfte ist der Showdown im Haus, in den alle vier Personen involviert sind: Stine und Roger sowie ihre Kinder. Eine entscheidende Rolle im Finale spielt dann jener Golfschläger, den Roger beim Herumschnüffeln im Haus bereits einige Tage zuvor genauestens begutachtete. Bis es zu diesen spannungsgeladenen Szenen und dem erwähnten Stimmungswechsel kommt, funktioniert „Die Abmachung“ aber auch als emotionales Drama sehr gut. Als Drama über eine psychisch gebrochene Frau. Eine Frau, der – wie sich auch gegen Ende herausstellt – bereits vor dem Tod des Mannes, das Herz gebrochen wurde.

Die letzte Einstellung zeigt das ganze Chaos im Haus: zerbrochene Scheiben, kaputte Möbel, defekte Gegenstände. Folgen des finalen Showdowns. Und: Alles so zerstört wie das Seelenleben der Hauptfigur. Und hier zeigt sich erneut die Fähigkeit von Bösenberg, passende Bilder bzw. Metaphern zu finden, die den Gefühlslagen und Seelenzuständen seiner Hauptfigur, entsprechen.

Björn Schneider