Dirty Games

Die Dokumentation über schmutzige Machenschaften im internationalen Sport ist ein ehrenwerter Rundumschlag: Benjamin Best, Experte für Sport, Spiel und Wettbetrug im deutschen Fernsehen, hat für sein Kinodebüt weltweit recherchiert. Fußball, Boxen, NBA-Basketball – das sind die Sportarten, zu denen Kronzeugen von ihren Erfahrungen berichten. Das Ergebnis ist ein engagierter Film, der eher ins Fernsehen als ins Kino passt und letztlich wenig Neues bietet: Die Schiebereien im Weltfußball sind ein alltägliches Medienthema, und dass auch im US-Basketball und nicht nur im Boxbusiness mafiöse Zustände herrschen, ist ebenfalls bekannt. Wo Geld ist, wird betrogen – so lautet das unausweichliche Fazit. Und Geld regiert die Welt, auch im Sport.

Webseite: www.dirtygames-wfilm.de

Deutschland 2015
Drehbuch und Regie: Benjamin Best
Kamera: Jürgen Heck
90 Minuten
Verleih: W-film Distribution
Kinostart: 2. Juni 2016

FESTIVALS / PREISE:

2016: Independent Days Filmfest Karlsruhe, Nominierung „Bester Langfilm“
2016: International Filmmaker Festival London, „Beste Regie“ & „Bester Schnitt“
2016: Snowdance Filmfestival, Bester Dokumentarfilm

FILMKRITIK:

Ein Flugzeug landet in Katmandu, ein Sarg wird entladen – eine Familie betrauert ihren Toten. Er war einer der zahllosen nepalesischen Gastarbeiter, die in Katar auf den Baustellen für die Fußball-WM 2022 tätig sind. In den Ämtern stapeln sich die Akten zu ungeklärten Todesfällen. Einer, der dabei war, berichtet von unglaublichen Zuständen auf den WM-Baustellen und von menschenunwürdigen Bedingungen. Wie kam es dazu, dass Katar, das reichste Land der Welt, ein Wüstenstaat ohne Sport-Infrastruktur, das Rennen um den Austragungsort für die FIFA-WM gewinnen konnte? Die ehemalige Kommunikationschefin des australischen Fußballverbandes äußert sich zu Absprachen und Nebenabsprachen, sie berichtet von offiziellen und inoffiziellen Bewerbungen und von ihrem Kampf gegen die FIFA.
 
Diese erste Episode ist nicht nur die bewegendste und interessanteste, sie ist auch symptomatisch für diesen Film, der von einer Station zur nächsten führt. Ohne große Höhepunkte, ohne roten Faden. Es sind keine Sensationen, die Benjamin Best zu vermelden hat. Vielmehr lässt er Menschen zu Wort kommen, die auf die eine oder andere Weise mit dem Milliardengeschäft Sport zu tun haben oder hatten: als ehemalige Funktionäre, Schiedsrichter, Manager oder als Bewohner von Rio, Katmandu oder Trabzon. Sie alle berichten von der Macht des Geldes, von verdecktem oder offenem Betrug zwischen den Seilen des Boxrings, auf dem Fußballplatz, in der Basketball-Arena oder hinter den Kulissen der allmächtigen Verbände. Sie alle lieben den Sport, so wie viele Millionen Menschen auf der ganzen Welt.
 
Benjamin Best ist ein Jäger und Sammler: Er sammelt Informationen von Menschen, die er sprechen lässt, ohne Kommentar oder Zwischenfragen. So ist eine lange Dokumentation entstanden, die fürs Fernsehen bestens geeignet ist, aber nur bedingt kinotauglich. Eine durchgängige Dramaturgie ist nicht erkennbar, und die Übergänge zwischen den Episoden wirken beliebig. Vermutlich soll das die weltumspannende Ähnlichkeit im System von Betrug und Bestechlichkeit symbolisieren. Die langen Monologe der Kronzeugen machen den Film zwar seriös und glaubwürdig, werden auf Dauer aber auch schon mal ermüdend, denn nicht jedem ist es gegeben, so interessant und lebendig zu sprechen wie Charles Farrell, der ehemalige Box-Manager, oder Bonita Mersiades, die als Ex-Kommunikationschefin des australischen Fußballverbandes viel über die Hintergründe des Bewerbungsrennens um die WM 2022 erzählen kann.
 
Natürlich hält Benjamin Best kein Rezept parat, wie man dem allgegenwärtigen Betrug beikommen könnte. Kein Wunder – so ein Rezept gibt es nicht, denn das Geschäft mit dem Sport inklusive sämtlicher Manipulationen vom Doping bis zum Wettbetrug ist so alt wie der Sport selbst. Und wer glaubt, dass es jemals flächendeckend Fair Play oder ehrliche Wettkämpfe gegeben hätte, war nie selbst Sportler oder hat noch nie einen Wettkampf mitverfolgt. Selbstverständlich wäre es wünschenswert, dass sich hieran etwas ändert, zumal es um immer größere Summen geht und um immer größere Verbrechen, die im Namen des Sports begangen werden. Denn Sport ist ein knallharter Wirtschaftszweig, in dem mit harten Bandagen gekämpft wird, im Kleinen wie im Großen, um Pöstchen und Posten, um Verträge und Fördermittel, um Millionenbeträge und mit ganz offensichtlichen Gangstermethoden. Benjamin Best bleibt unspektakulär, er deckt nichts auf, viele Gesprächspartner sind aus den Medien bekannt, und jeder, der sich für Sport interessiert, kennt die Fakten. Ob es sich um die Favelas handelt, die für die WM und die Olympischen Spiele in Rio abgerissen wurden, oder um den Wettskandal im türkischen Fußball – Benjamin Best sammelt die größten aktuellen Verbrechen gegen den sportlichen Gedanken und verdichtet sie zu einem Protokoll der Schandtaten. So ist es vielleicht Bests größte Leistung, dass er mit seiner Weltreise in Sachen Sportbetrug Öffentlichkeit schafft und zeigt, dass die Macht des Geldes universell geworden ist.
 
Gaby Sikorski