Du musst dein Ändern leben

Mit viel Idealismus, Herzblut und Knowhow bringt eine Berliner Wahlfamilie neues Leben in leerstehende Fabrikgebäude. Ihr neuestes Projekt: der Klunkerkranich – ein Kulturdachgarten mitten im Problembezirk Neukölln. Die liebenswerte, kleine Dokumentation erzählt parallel die Geschichte des Projekts und der Menschen dahinter, die ihren Traum einer Einheit von Leben und Arbeiten realisieren möchten. Interessant ist der Film nicht nur für Berlin-Fans, sondern auch für alle, die noch daran glauben, dass es ein Leben jenseits des Mainstreams gibt.

Webseite: http://aendern-leben.com

Deutschland 2015
Regie: Benjamin Riehm
Länge: 89 Minuten
Verleih: Schillerstudios (Kontakt: martin.danisch@gmail.com)
Premiere: 17.04.2015 (Berlin)
 

FILMKRITIK:

Menschen, die ihre Träume leben wollen, sind wunderbar, denn sie glauben an die Zukunft. Man erkennt sie daran, dass sie den Mut haben, etwas ganz und gar Neues anzufangen, was vielleicht schiefgehen kann – und das ist für deutsche Verhältnisse sehr ungewöhnlich. Umso schöner ist es, wenn hier und da mal einer aus der Reihe tanzt, und besonders viele von dieser raren Spezies gibt es bekanntlich in Berlin. Auch die Gründer des legendären Clubs „Fuchs und Elster“ gehören dazu, und sie haben sich dort niedergelassen, wo die Hauptstadt so richtig lebendig ist, nämlich in Neukölln. Robin Schellenberg und Dorle Martinek, zwei Aussteiger mit bewegter Vergangenheit, waren die Gründer, die mit ihrer Begeisterung andere mitzogen. Der (unter anderem) ehemalige Headhunter und die (unter anderem) Ex-Schulleiterin wollten gemeinsam ihre Ideale vom selbstbestimmten Arbeiten leben und fanden in der Gastronomie ihre kreative Spielwiese, die ihnen sowohl Unabhängigkeit als auch Gestaltungsfreiheit erlaubte. Aus alten Fabriketagen und Kellergewölben machten sie Kulturstätten, wo sich Groß, Klein, Jung und Alt begegnen. Ihr neuestes Projekt ist ein ehemaliges und vormals ziemlich verlottertes Parkdeck über den Dächern von Neukölln: der „Klunkerkranich“ – ein begrünter Kulturdachgarten und zurzeit eine der angesagtesten Locations der Stadt.
 
Der Film zeigt die Entstehungsgeschichte des „Klunkerkranichs“ inklusive der Rückschläge und Fortschritte bis zur Eröffnung. Dorle Martinek ist die geniale Finanzchefin – die Szene, wie sie ihre Liebe zur Buchführung erklärt, ist eine der schönsten des Films. Robin Schellenberg (Joshy) kümmert sich vor allem um die Organisation. Hinzu kommt eine Reihe von Mitstreitern und Helfern, die zeitweise oder auch schon seit Jahren mit den beiden und für sie arbeiten. Naturgemäß läuft so ein Leben nicht ohne Konflikte ab, und auch davon erzählt der Film. Die freundliche Hippie-Atmosphäre vom Anfang mit Friede-Freude-Eierkuchen und liebevollem Miteinander steht mehrmals auf dem Prüfstand, spätestens wenn Tag und Nacht gearbeitet wird, weil alle möglichen gesetzlichen, behördlichen und sonstigen Auflagen erfüllt werden müssen, weil Termine drücken und das Geld knapp ist. Denn, so heißt die goldene Regel aller Idealisten, gearbeitet wird bis zum Umfallen, und die Selbstausbeutung ist für alle selbstverständlich.
 
Das gilt vermutlich auch für den Filmemacher. Benjamin Riehm hat seinen Film über  Crowdfunding realisiert. Deutlich sichtbar wird sein Bemühen, eine spannende Geschichte zu erzählen, was besonders zum Ende hin ganz gut gelingt. Ansonsten bringt die Dokumentation filmisch kaum interessante Ansätze. Es gibt ein paar schöne Aufnahmen und ansonsten viele Interviewszenen, die ein paar Kürzungen hätten vertragen können. Aber es sollte ja auch niemand zu kurz kommen … so dürfen denn auch alle was sagen, vom kleinen Helferlein bis zum Amtsleiter. Hier geht es weniger um cineastische Aspekte als um den Inhalt: Die ungeschriebene Botschaft des Films lautet: Leute, kommt nach Berlin, denn hier ist alles möglich!
 
Vielleicht ist Berlin unter anderem deshalb so angesagt, weil es hier viele Menschen wie Dorle und Joshy und ihre Wahlfamilie gibt. Inmitten eines Landes von mauligen Langeweilern liegt so etwas wie eine Oase der Kreativität, wo Querdenker zueinanderfinden und gemeinsam ihre Ideen leben können. Es sei nicht wie zwischen Freunden, meint irgendwann einer aus der Truppe sinngemäß. „Es ist eher wie in einer Familie – es gibt ein grundsätzliches Ja.“ Das ist dann sehr schön und sogar ein bisschen rührend.
 
Gaby Sikorski