Ein Geschenk von Bob

Ihre Geschichte ging um die Welt: Als dem drogenabhängigen, obdachlosen James eines Tages ein Straßenkater über den Weg läuft, soll sich sein Leben radikal ändern. 2017 kam die Geschichte des berühmten Vierbeiners Bob erstmals auf die große Leinwand. Heute, knapp vier Jahre später – der weltberühmte Kater lebt mittlerweile nicht mehr – kommt ein weihnachtliches Sequel in die deutschen Kinos, das einmal mehr die Herzen der Zuschauer erweicht.

Website: www.leoninedistribution.com

UK 2020
Regie: Charles Martin Smith
Drehbuch: Garry Jenkins
Darsteller: Luke Treadaway, Anna Wilson-Jones, Tim Plester, Kristina Tonteri-Young, Daisy Badger, Nina Wadia, Kater Bob
Verleih: Leonine
Länge 92 Min.
Start: 10.12.2020

FILMKRITIK:

In der Weihnachtszeit ist die Metropole London für Straßenmusikanten ein besonders hartes Pflaster. Das bekommt auch James (Luke Treadaway) zu spüren, der gemeinsam mit seinem treuen Kater Bob (Bob als er selbst) die Menschen mit seinen Klängen beglückt, dabei jedoch kaum Beachtung findet. Obwohl um ihn herum Tausende von Leuten Unmengen an Geld für Weihnachtsgeschenke ausgeben, fällt für ihn nur selten etwas ab. Die Situation für das eingeschworene Duo wird sogar nicht prekärer, als der Tierschutz auftaucht und James droht, ihm Bob wegzunehmen, da dieser angeblich nicht angemessen für seinen Kater sorgen kann. James ist verzweifelt und hat Angst, seinen besten Freund zu verlieren. Doch zum Glück hat er Menschen an seiner Seite, die ihm aus seiner misslichen Lage helfen können: Bea (Kristina Tonteri-Young) zum Beispiel, Arabella (Anna Wilson-Jones) und Moody (Phaldut Sharma), der weise indische Verkäufer aus dem Lebensmittelgeschäft nebenan.

Katzen. Irgendetwas haben diese putzigen Vierbeiner an sich, das es ihnen ermöglicht, uns Menschen mit einem Augenaufschlag um den Finger zu wickeln. Entsprechend schnell hat die Filmindustrie die Tiere für sich entdeckt. Damit meinen wir nicht die Abermillionen Minuten an niedlichem Katzenvideomaterial auf YouTube, sondern die steigende Anzahl an Filmproduktionen, in denen ein Stubentiger eine tragende Rolle spielt. In ihrer Anwesenheit wird selbst ein knallharter Drogenbaron brav wie ein Lamm (gesehen in der plüschigen Actioncomedy „Keanu“), „House of Cards“-Fiesling Kevin Spacey machte sich für „Voll verkatert“ zum Affen (oder eben zum Kater) und auf den roten Teppichen dieser Welt tauchte bis zu ihrem Tod im Mai 2019 immer häufiger die mittlerweile mit einem Kultstatus versehene Grumpy Cat auf. Allein in diesem Winter erscheinen mit „Cats & Dogs 3“ und „Ein Geschenk von Bob“ gleich zwei Filmproduktionen mit vierbeinigen Protagonisten.

Dass Katzen uns jedoch nicht bloß bespaßen, sondern tatsächlich Leben retten können, erfuhr der drogenabhängige Brite James Bowen im Jahr 2008 am eigenen Leib. Der obdachlose Straßenmusiker war zum damaligen Zeitpunkt das, was man wohl eine gescheiterte Existenz nennt. Erst, als sich eines Abends ein von ihm später Bob getaufter Straßenkater an seine Fersen heftet, nahm sein Leben eine Wendung. Das Besondere: Diese Geschichte ist trotz ihres Weihnachtsmärchen-Charmes so tatsächlich passiert. Der ehemalige „Bond“-Regisseur („Der Morgen stirbt nie“) Roger Spottiswoode verfilmte den dazugehörigen Tatsachenroman „Bob, der Streuner“ Ende 2016. Anfang 2017 kam die Tragikomödie unter demselben Titel auch in die deutschen Kinos; ein herausragend authentisches Porträt über einen Menschen und seinen Kater, das die niederschmetternden Momente aus Drogenentzug und Obdachlosigkeit ebenso wenig ausspart, wie die innige Liebe zwischen Mensch und Tier. Ein Kassenschlager wurde der Film zwar nicht, wohl aber ein Geheimtipp unter Filmliebhabern, der nun überraschend eine Fortsetzung erfährt.

Überraschend deshalb, weil die Geschichte von Bob und seinem Herrchen James ja eigentlich auserzählt ist. Doch die beiden haben zu Lebzeiten – Bob starb im Sommer 2020 infolge eines Unfalls, der Film ist ihm gewidmet – viele kleine und große Dramen erlebt, zu denen auch mehrere kalte Winter auf den Straßen Londons gehören. Von einem solchen erzählt der wiederkehrende Drehbuchautor Garry Jenkins in „Ein Geschenk von Bob“ und schlägt dabei längst nicht so zermürbende Töne an wie noch im Vorgänger. „Bob, der Streuner“ erinnerte in seinen düstersten Momenten an Drogendramen wie „Trainspotting“, in seinem Sequel kommt nun noch mehr der klassische Weihnachtsmärchencharme durch, der „Ein Geschenk von Bob“ damit deutlich familientauglicher macht.

Trotzdem nimmt der mit Tierfilmen bestens vertraute Regisseur Charles Martin Smith („Mein Freund, der Delfin 1 und 2“, „Die unglaublichen Abenteuer von Bella“) die Probleme seiner Hauptfiguren ernst. Die Männer vom Tierschutz, die in der Fußgängerzone von London nicht die richtige Umgebung für eine Hauskatze sehen, sind nicht einfach nur plumpe Antagonisten, sondern konfrontieren den aufopferungsvoll für seinen Kater einstehenden James einmal mehr mit seinem Verantwortungsbewusstsein für sich und sein ihm anvertrautes Haustier. Dass am Ende natürlich alles gut ausgeht, woran der Kater selbst eine nicht geringe Mitschuld trägt, verwässert die ernsten Töne des Films nicht etwa, sondern sorgt für eine angemessene Portion Hoffnung und Liebe in der dunklen Jahreszeit.

Antje Wessels