Ein Hells Angel unter Brüdern

„Wir sind kein Fischerverein“, heißt es einmal in Marcel Wehn’s Dokumentarfilm über jenen Club, der immer wieder gerne mit kriminellen Machenschaften von Drogen- und Menschenhandel bis hin zu Morden in Verbindung gebracht wird. Der aus Süddeutschland stammende und heute in Berlin lebende Regisseur zeigt am Beispiel des Stuttgarter Hells Angels-Präsidenten Lutz Schelhorn auf, was die Mitglieder an der Zugehörigkeit zu ihrer primär an Motorradausfahrten ausgerichteten Vereinigung reizt. Zur Binnensicht gesellen sich auch kritische und differenzierte Gespräche mit Außenstehenden. Am Ende ist es am Zuschauer, die Aussagen mit dem bisherigen Bild über die Hells Angels abzugleichen.

Webseite: www.unterbruedern.de

Deutschland 2014
Regie: Marcel Wehn
Dokumentarfilm mit Lutz Schelhorn
90 Minuten
Verleih: Farbfilm Verleih
Kinostart: 15.1.2015
 

FILMKRITIK:

 „Unter Brüdern“ nennt sich Marcel Wehns Dokumentarfilm, für den der 2007 für sein Porträt „Von einem der auszog – Wim Wenders' frühe Jahre“ mit einer lobenden Erwähnung beim Deutschen Dokumentarfilmpreis bedachte Filmemacher sich fünf Jahre lang an die Fersen des 1959 geborenen Lutz Schelhorn, dem Mitbegründer und aktuellen Präsidenten der Stuttgarter Charta der Hells Angels, geheftet hat. Schon aus der Eingangssequenz spricht denn auch sogleich ein Bild von brüderlichem Zusammenhalt: ein langer Menschentross, vorwiegend in schwarze Lederkluft gekleidet, begleitet da Lutz Schelhorns Bruder Frank, der an den Langzeitfolgen eines Motorradunfalls starb, auf seiner letzten Reise auf Erden.
 
Wehn geht es mit seinem Film darum, ein von vorgefertigten Allgemeinurteilen losgelöstes Porträt von Lutz Schelhorn (und letztlich auch den Hells Angels) zu zeichnen. Wobei der 1959 geborene Rocker ein durchaus eloquenter Interviewpartner und –erzähler ist, einer, der um die Kunst offener Worte weiss und mit seiner Art der Öffentlichkeitsarbeit dafür zu sorgen weiss, seine Hells Angels in einem zumindest einmal besseren Licht erscheinen zu lassen, als es ihnen immer wieder und auch aufgrund von Pauschalurteilen nachgesagt wird. Dazu passt, dass Schelhorn in seiner vor etwas mehr als zehn Jahren vom Hobby zum Beruf gemachten Funktion als Fotograf (zuvor war er Kfz-Mechaniker) eine Bildserie mit Porträts über Hells Angels-Mitglieder veröffentlicht, den Kameraden also über die Fotografie näher kommt, sie aus der Masse der Kuttenträger hervorhebt und ihnen ein Gesicht gibt. Nichts anderes tut nun auch Wehn mit seinem Film.
 
Man spürt, dass Wehn über den langen Zeitraum des von der Stuttgarter Indi Film GmbH („Willkommen bei Habib“) produzierten Projektes das Vertrauen seiner Protagonisten aufgebaut hat. Man plaudert aus dem Nähkästchen („wir leben unser Leben wie die Teenager, die wir früher mal waren“), insbesondere die familiäre Situation bei den Schelhorns wird eingehend beleuchtet, sympathisieren und identifizieren sich doch längst auch Sohn und Tochter Schelhorn mit den Motorradfreunden. Man spürt, dass die Schelhorns harmoniebedürftige Menschen sind, sich untereinander und in der Gruppe wohlfühlen. Interessant ist ganz sicher auch, wie sich Lutz Schelhorn über die Hells Angels hinaus in einer Bürgerstiftung oder als Referent für Stuttgarter Jugendliche zum Thema Judendeportationen engagiert.
 
Vielleicht ist Wehn aber auch ein ganz klein wenig zu nahe dran an der Hauptperson seines Films. Ein Kapitel aus Schelhorns Biografie, in dem ihm die Gründung einer kriminellen Vereinigung sowie Vergewaltigung vorgewurfen wurden, wird zwar einseitig angerissen, jedoch nicht tiefer recherchiert oder mit anderen Sichtweisen konfrontiert. Wohl auch, weil die Sache formal mit einem Freispruch endete, der dem Angeklagten zwar nach einem Jahr in Untersuchungshaft die Freiheit wiedergab, dafür aber auch Anwaltskosten von 80.000 Mark bei lediglich 3.300 Mark Haftentschädigung bescherte. Wenn da mal nicht auch ein wenig Kritik am Staat mitschwingt. Aber so muss das wohl sein bei einem, dem es gefällt, in einer Gemeinschaft von Außenseitern (und aufgrund des Rufs ihres Clubs Ausgegrenzten) der Wortführer zu sein. Wehn macht aber auch deutlich, dass sich die regionalen Fraktionen der Hells Angels innerhalb Deutschlands in ihrem Selbstverständnis oft himmelweit voneinander unterscheiden.
 
Als Gegengewicht zu den in ihrem Patch einen Totenkopf mit Engelsschwingen tragenden Mitgliedern kommt zum einen Willi Pietsch, der im Sommer 2014 in den Ruhestand getretene Kriminalhauptkommissar vom in Stuttgart für die Hells Angels zuständigen Dezernat. Pietsch hat in einem Interview mit den Stuttgarter Nachrichten sein Verhältnis zu Lutz Schelhorn als auf Akzeptanz und Rollenklarheit beruhend definiert. „Meine Rolle ist die des Polizisten, und damit ist auch schon alles gesagt. Da gibt’s keine Verbrüderung – wofür auch?“, hieß es da wörtlich. Zum anderen plaudert Stern-Reporter Kuno Kruse über seine Begegnungen mit Schelhorn und den Hells Angels. Wie Wehn ist auch er darauf bedacht, die richtige Balance zwischen Nähe und Distanz zu seinem „Zielsubjekt“ zu wahren. Letztlich ist es am Betrachter, sich aus den Aussagen aller Protagonisten in diesem in Summe unterhaltsamen Porträtfilm ein Bild über die Stuttgarter Biker und ihren Chef zu machen. Und logisch, dass die gemeinsam auch Easy-Rider-mäßig und zu entsprechenden Rocksounds auf ihren Zweirädern sitzen dürfen.
 
Thomas Volkmann