Experiment Sozialismus – Rückkehr nach Kuba

Kuba – Ein Traumland der Deutschen, eine tropische Insel, in der das Leben anders abläuft, das Wetter schön und die Menschen freundlich sind. Vor allem aber ein Land, in dem der Traum vom Sozialismus realität ist, zumindest ein bisschen. Diesem Traum reist die aus dem Osten Deutschlands stammende Kamerafrau Jana Kaesdorf in ihrer Doku-Fiktion „Experiment Sozialismus – Rückkehr nach Kuba“ hinterher, die vor allem schöne Bilder der Tropeninsel bietet.

Website: www.experiment-sozialismus-film.com

Deutschland 2019
Regie & Buch: Jana Kaesdorf
Länge: 80 Minuten
Verleih: Sun also Rises
Kinostart: 27. August 2020

FILMKRITIK:

Als Touristin kam Jana Kaesdorf vor Jahren das erste Mal nach Kuba und war sofort fasziniert von der Insel. Im Osten Deutschlands geboren, aber zu jung, um das Leben im so genannten „real existierenden Sozialismus“ wirklich selbst erlebt zu haben, fand sie auf der tropischen Karibikinsel Beispiele für Mangelwirtschaft und Schlangestehen, wie sie es nur aus Erzählungen kannte.

Zwar befindet sich auch Kuba nach dem Tod des langjährigen – je nach Sichtweise – Herrschers, Diktators oder Revolutionsführers Fidel Castro im Wandel, doch der geht hier besonders langsam vonstatten. Ein Land der Widersprüche ist Kuba und als solches ein stets willkommenes Sujet für Filmemacher. Das dachte sich auch Jana Kaesdorf und kam mit einem kleinen Team zurück auf die Insel, filmte ohne Drehgenehmigung im ganzen Land und formte das Material zu einem filmischen Roadmovie.

Das stilistisch ungewöhnlichste Element von „Experiment Sozialismus“ ist die fiktive Figur des Arsenios, die Erzählstimme des Films. Er ist ein Kubaner, der nach Jahren im Exil zurück in seine Heimat kehrt und beobachtet, wie sich die Insel verändert hat. Dieser Kunstgriff ermöglicht es Kaesdorf zumindest im Ansatz zu kaschieren, dass sie Leben und Menschen der Insel von Außen, mit einem zwangsläufig etwas touristischen, auch exotisierenden Blick betrachtet. Nicht der Fremde soll hier auf Kuba blicken, sondern ein Einheimischer, der zwar Jahrelang abwesend war, aber eben doch ein Insider ist.

Was der Zuschauer mit den Augen Arsenios erfährt und erlebt, ist ein neugieriger Blick auf eine Insel im sanften Wandel. Nach dem Tod Castros, dem Ende der Wirtschaftsbeziehungen zum durch sein Öl reichen Venezuela, die lange Jahre Ersatz für die Subventionen des großen sozialistischen Bruders Sowjetunion waren, wurden sanfte Reformen begonnen: „Lineamientos“ werden diese genannt, haben zu massiven Entlassungen in Staatsunternehmen- und betrieben geführt, findigen Kubanern aber auch die Möglichkeit zu eigenen Geschäften und Unternehmungen gegeben. Ein Hauch von freier Marktwirtschaft weht seitdem über die Insel, allerdings ein sehr sanfter. Dass durch die Trump-Präsidentschaft die zarte Entspannung, die Barack Obama eingeleitet hatte, wieder zurückgefahren wurde, verkompliziert die Lage sehr, rettender Partner könnte hier wie in vielen anderen Regionen der Welt die zukünftige Weltmacht China sein.

Allzu tiefgehende Analysen der kubanischen Gegenwart sollte man jedoch nicht erwarten. „Experiment Sozialismus“ beschränkt sich darauf, einen Überblick über die Historie der kubanischen Revolution zu geben, ohne dabei auf Archivbilder zurückgreifen zu können, und zeigt die kubanische Gegenwart abseits der Touristenströme. Das vor allem ist die Qualität von Jana Kaesdorfs Reportage: Klischeebilder weitestgehend zu vermeiden, selbst wenn in den auf keiner Touristen-Route fehlenden Orten wie Trinidad, Santa Clara oder der Altstadt von Havana gefilmt wurde. Als kurzweiliger Einstieg in die Komplexität Kubas kann diese Reise-Reportage überzeugen.

Michael Meyns