Glitzer und Staub

Ungewöhnlich und hoch interessant: Der Dokumentarfilm führt in den Wilden Westen, zu vier Mädchen, die bei Rodeos mitkämpfen – sie reiten Bullen und werfen das Lasso wie die Großen. Die taffen kleinen Cowgirls arbeiten hart für ihre Karriere. Aber was treibt sie an? Was bringt sie dazu, ihre Ängste und Schmerzen zu besiegen, um gegen alle Traditionen in einer Männerdomäne anzutreten? Der Dokumentarfilm von Anna Koch und Julia Lemke wirkt einerseits exotisch, andererseits zeigt er eine Art von Wildwest-Romantik, die vielleicht bei diesen Mädchen noch eher existiert als in der kommerziellen Rodeo-Szene. Und es gibt für sie deutlich mehr Staub als Glitzer!

Website: https://port-prince.de/projekt/glitzer-und-staub/

Deutschland 2020 – Dokumentarfilm
Buch und Regie: Anna Koch und Julia Lemke
Kamera: Julia Lemke
Musik: Peta Devlin & Thomas Wenzel, Paul Eisenach
Verleih: Port au Prince
Länge: 93 Min.
Sprache: Englisch mit deutschem Voiceover
Kinostart: 29. Oktober 2020

FILMKRITIK:

Vier sehr unterschiedliche Mädchen werden vorgestellt: die 10-jährige Texanerin Maysun King, die kaum laufen konnte, als sie schon mit dem Reiten anfing – eine selbstbewusste kleine Lady, die lieber Bullen über die Weide der elterlichen Ranch treibt, als mit anderen Kindern zu spielen. Maysun ist ein Cowgirl wie aus dem Bilderbuch: Ihre Eltern, die sie heute trainieren, waren beide früher Rodeostars in unterschiedlichen Disziplinen. Maysun selbst hat sich aufs Kälberfangen spezialisiert und übt mit Ziegen. Oder die Bullenreiterin Ariyana Escobedo: Sie ist neun Jahre alt und so ehrgeizig, dass sie sogar mit einem gebrochenen Fuß zum Wettkampf antritt. Tatyanna Begay vom Stamm der Navajos dagegen gilt schon beinahe als weiblicher Star in der Bullenreiterszene. Sie hat unzählige Preise gewonnen und mindestens ebenso viele Verletzungen überstanden. Für ihre Cousine Altraykia ist Tatyanna das große Vorbild – sie wäre gern wie sie, so selbstbewusst und unabhängig. Deshalb hat Altraykia gerade mit dem Training begonnen. Ihr großer Bruder Lance unterstützt sie dabei und bereitet sie auf ihr erstes Rodeo vor.

Alle vier Mädchen haben einiges gemeinsam: Sie träumen den amerikanischen Traum von einem besseren Leben. Und sie sind sicher, dass sie ihr Ziel erreichen können, wenn sie nur hart genug daran und an sich selbst arbeiten. Wettbewerb und Konkurrenz gehören dazu. Alle vier stammen aus dem Westen der USA, der vielleicht nicht mehr allzu wild ist, aber noch immer offenbar zu allem entschlossene Menschen hervorbringt. Sie alle stammen aus kinderreichen Familien und leben in sehr einfachen Verhältnissen. Eine Karriere als Rodeo-Kämpferin würde für sie bedeuten, dass sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen und sich irgendwann mal unabhängig machen können – von der Region, von ihren Familien und von ihrem vorgezeichneten Schicksal. Ansonsten sieht es, besonders für die beiden Navajo-Mädchen aus dem Reservat, mit den Zukunftsaussichten nicht besonders rosig aus. Sie alle werden von ihren Familien unterstützt, obwohl sie als Rodeo-Sportlerinnen absolute Rebellen sind. Denn alles, was mit diesem amerikanischen Nationalsport zu tun hat, ist immer noch eine Männerdomäne. Das ändert sich gerade ein bisschen, und die Mädchen hoffen darauf, dass sie irgendwann als Profis antreten können. Bis dahin heißt es: Am Wochenende ist Rodeo!

Die beiden Filmemacherinnen Anna Koch und Julia Lemke, die sich selbst „Badabum Duo“ nennen, erzählen die Geschichten der vier Mädchen als interessante Mischung aus Wildwest-Romantik und sachlicher Berichterstattung. Die Kamera ist dabei immer dicht am Geschehen, die Mädchen selbst sind offen und gesprächsbereit, ebenso die Familien. Koch und Lemke brauchen keine große Exposition – es geht gleich zur Sache. Dabei enthalten sie sich jeden Kommentars und stellen weder die grundsätzlich gewalttätige Gesellschaft offen in Frage, in der sich diese taffen Kinder und Teenies behaupten wollen, noch ein System, in dem es nur Winner oder Loser gibt und nichts dazwischen. Diese Mädchen sind, ebenso wie ihre Eltern, zu Sieg oder Niederlage erzogen, zu einem harten Leben, das viele Opfer erfordert. Die Countrymusik von deutschen Interpreten schafft zusätzlich zu den Bildern – mehr Staub als Glitter – eine ganz besondere Atmosphäre, die den exotischen Charakter noch unterstützt. Die Protagonistinnen werden dabei keinesfalls von ihren Familien zu Höchstleistungen getrieben, sie wollen das selbst, und ihre Motivation ist so intrinsisch wie nur möglich: Begeisterung, Optimismus, der Wunsch nach Freiheit …

„Kälber fangen macht süchtig“, sagt Maysun Kings Mutter, die in ihrer Jugend ein größerer Rodeostar war als ihr Mann. Mutig und entschlossen gehen diese Mädchen ihren Weg, nicht alle werden es schaffen, ihre Angst zu besiegen und in der Rodeo-Arena Karriere zu machen. „Never scared“ („Niemals ängstlich“) steht auf Ariyanas Gürtel. Und wenn das kleine Mädchen mit ernstem Blick und wild entschlossen auf einem buckelnden Stier sitzt, ein Cowgirl bei der Arbeit, dann ist das ebenso faszinierend wie befremdlich.

Gaby Sikorski