Go West, Young Man!

(Go West, Young Man!)
NL 2003
Regie: Peter Delpeut, Mart Dominicus
Mitwirkende: Taylor Fogarty, William Fraker, Dan Siraels, Adam Jahiel, John Milius, E. Annie Proulx, Waddie Mitchell
Start: 27.10.2005
Verleih: flax film
Länge: 84 Minuten

Cowboys und Indianer, Marshalls und Desperados, Kavallerie und Kanonendonner, Colt und Winchester, Farms und Ranches, Saloons und Forts, Lagerfeuer und Friedenspfeife, Rindertrieb und Rodeo, Steaks und Bohnen, Kaffee und Feuerwasser, Postkutsche und Eisenbahn, Alamo und Little Big Horn, Cochise und Sitting Bull, Jesse James und Billy the Kid, Buffalo Bill und Wild Bill Hickock, John Ford und John Wayne, Sergio Leone und Clint Eastwood, Bonanza und Am Fuß der blauen Berge – Eckpfeiler aus der Geschichte des Wilden Westens und damit Eckpfeiler eines glorreichen Genres. Die niederländischen Dokumentarfilmer widemeten dem Western ihre ganz persönliche Liebeserklärung – "Go West, Young Man!"

Wie sieht das wohl aus, wenn ein Mann von einer Kugel aus einer Winchester getroffen wird? Er fliegt nach hinten. Und wenn das Geschoss aus einem Colt-Revolver stammt? Dann fliegt der Mann auch nach hinten, nur nicht so weit. Und bei einem Schrotgewehr mit angesägtem Lauf? Jetzt reißt es den Mann so richtig von den Beinen. Man dachte ja, man kennt sich aus. Aber bei den Männern und Frauen von der Eaves Movie Ranch nahe Santa Fe in New Mexico kann man noch eine ganze Menge lernen und Vergessenes auffrischen. Die ehemalige Filmkulisse, die heute als Arena für Stunt-Shows dient, ist die erste von zahlreichen Stationen, die das niederländische Regieteam Peter Delpeut und Mart Dominicus auf seiner Reise durch den Westen der Vereinigten Staaten besucht hat. Dem Western wollten sie nachspüren, jenem Genre, das rund 50 Jahre lang Brandzeichen in der Filmgeschichte seine Brandzeichen setzte.

"Go West, Young Man!", so schrieb 1850 Horace Greely, Herausgeber der New York Herald Tribune. Um die Besiedelung des Westens ging es, ganz im Sinne des alten Pioniergeistes. Delpeut und Dominicus sind dem noch einmal nachgegangen, soweit das für einen Rahmen von knapp anderthalb Stunden Filmdokumentation sinnvoll ist. Ihre Essenz stellt reale Schauplätze gegen ihr Abbild auf der Leinwand, schwelgt in den immer wieder atemberaubenden Panoramen des Monument Valley, die natürlich von John Ford Point aus betrachtet gehören. Filmemacher kommen zu Wort, Lasso-Experten erklären die Beschaffenheit des Seils und die Technik des Wurfs. Ein alter Indianer erzählt, dass er in Dutzenden Kino-Western mitspielte, aber sich nie einen der Filme angeschaut hat. Schade, dass Delpeut und Dominicus nicht nachgefragt haben, wie es dazu kam. Vermutlich gilt immer noch die alte Weisheit, dass es ratsamer ist, die Legende zu erzählen und nicht Wahrheit, wenn man die Wahl hat.

Ein Fotograf gönnt sich im Jahr einige Wochen, um Cowboy-Alltag im Bild einzufangen. Die Impressionen kommen bekannt vor, aus der Werbung für Zigaretten und natürlich aus dem Kino. Die Faszination ist ungebrochen. Western, das ist Kinomagie, die für sich steht. Annie Proulx, Schriftstellerin, findet interessante Erklärungsansätze, aber letztlich geht es doch nur um Freiheit und Abenteuer, den Kampf um Gesetz und Ordnung, Cowboys und Indianer, endlose Weiten der Prärie. "Go West, Young Man!" ist eine Liebeserklärung an den Western und damit auch an ein Kino, das es so nicht mehr gibt. Paul M. van Brugge hat dafür eine stilgerechte Musik komponiert, die sofort ins Ohr geht und Lust macht auf mehr. Anderthalb Jahre ist es her, dass in den Kinos ein Western zu sehen war. Eine bittere Ernüchterung, wenn man mit Western groß geworden ist. Die Medizin heißt "Go West, Young Man!"

Uwe Mies