Grenzenlos – Submergence

Boy meets girl. Doch weil er ein Undercover-Agent mit Arbeitsplatz in Somalia ist und sie eine Meeresbiologin auf Tauchgang im Nordatlantik, sind die Dinge nicht ganz so einfach. Und weil dies ein Film von Wim Wenders ist, wird hier auch mehr verhandelt als nur die Liebe und ihre Unwägbarkeiten. Unausgeglichene Mischung aus Romanze, Terrorismus-Diskurs und Auseinandersetzung über den Umgang mit der Natur, die kein schlüssiges Gesamtbild ergibt. Daran können auch die Hauptdarsteller Alicia Vikander und James McAvoy nichts ändern.

Webseite: www.warnerbros.de

F/D/ES 2017
Regie: Wim Wenders
Darsteller: Alicia Vikander, James McAvoy, Alexander Sidigg, Celyn Jones, Reda Kateb
Länge: 112 Min.
Verleih: Warner
Kinostart: 2.8.2018

FILMKRITIK:

Wim Wenders hat einen neuen Film gedreht, und weil er noch immer – nicht zuletzt wegen seines Rufes und seit fast 50-jährigen Karriere – als bedeutendster Gegenwartsregisseur Deutschlands gilt (wie zuletzt die Verleihung des Douglas-Sirk-Preises beim Hamburger Filmfest unterstrich), ist man zunächst einmal gespannt, zumal es sich hier um die Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers des Schotten Jonathan M. Ledgard handelt. Doch „Submergence“ ist – soviel als vorweggenommenes Fazit – eine Enttäuschung.
 
Der Film beginnt zunächst mit Bildern, die der Zuschauer noch nicht einordnen kann. Ein junger Mann, verletzt und abgemagert, kauert in einem kahlen, dunklen Raum. Erst später werden wir erfahren, wie er dort hingelangt ist und warum. Denn zunächst erzählt Wenders eine andere Geschichte, die Geschichte einer Liebe. Die Meeresbiologin Danielle Flinders (Alicia Vikander) und der vorgebliche Wasserbauingenieur James More (James McAvoy) lernen sich in einem exklusiven, heimeligen Hotel in der Normandie kennen. Eigentlich haben sie weder Zeit noch Lust, sich zu verlieben. Zu dringend sind die beruflichen Herausforderungen, die auf sie warten. Trotzdem funkt es, und beide wissen, dass sie füreinander geschaffen sind. Austausch der Telefonnummern, das Versprechen, sich wieder zu sehen. Doch plötzlich sind sie weiter von einander entfernt, als ihnen lieb sein kann. James ist in Wahrheit ein britischer Agent, der in Somalia ein Ausbildungslager für Selbstmordattentäter aufspüren soll. Aber schon gleich nach der Ankunft wird er von den Dschihadisten entführt und eingekerkert. Danielle erforscht in einem speziellen U-Boot in den Tiefen des Ozeans vor Grönland die Ursprünge des menschlichen Lebens. Schwer, da mit einander zu kommunizieren…
 
Eine Liebesgeschichte, ein politischer Diskurs über den Terrorismus, eine gesellschaftliche Auseinandersetzung über den Umgang mit der Natur, ein Brückenschlag zwischen somalischem Chaos und der Stille des Nordatlantiks – Wenders bürdet seinem Film viel Bedeutung auf. Dabei erzählt er seine drei Handlungsstränge parallel, die Geschichten greifen ineinander, so dass man als Zuschauer wie bei einem Mosaik an einem vollständigen Bild mitarbeiten muss. Am interessantesten ist die Liebesgeschichte, und „Submergence“ ist immer dann am besten, wenn Alicia Vikander und James McAvoy gemeinsam auf der Leinwand zu sehen sind. Wie in einer Screwball-Comedy flirten sie miteinander und traktieren sich mit Bonmots. Man wünscht sich förmlich, dass Mann und Frau, trotz ihrer Widerspenstigkeit, zueinander finden. Denn schon die Vorbereitung auf den Tauchgang und die dunklen Bilder aus 6000 Meter Tiefe sind alles andere als sensationell, weil es so wenig zu sehen und zu erfahren gibt. Geradezu unerfreulich sind hingegen die Szenen in Somalia: Böse Männer mit schwarzen Bärten und dunklen Brillen tun böse Dinge, wie zum Beispiel Frauen steinigen oder Handgranaten in Wohnzimmer werfen, weil die Menschen gerade die „falsche“ Sendung im Fernsehen schauen. Wenders begnügt sich hier mit plakativen Szenen, wo mehr Argumentation nötig wäre. Und das ist eigentlich nicht seine Art.
 
Michael Ranze

In Wim Wenders‘ Mix aus Entführungs-Drama und Lovestory versucht ein britischer Spion aus somalischer Gefangenschaft zu entfliehen. Seine Motivation: ein Wiedersehen mit einer Wissenschaftlerin, die er ein Jahr zuvor kennengelernt hat. Wenders verfügt in seiner Literaturadaption mit James McAvoy und Alicia Vikander über zwei charismatische, hingebungsvoll agierende Darsteller, die den Film vor dem Totalausfall retten. Denn abgesehen von schauspielerischer Stärke dominieren in „Grenzenlos“ inhaltliche Überfrachtung, Unausgewogenheit und ärgerliches Pathos.

Die Biomathematikerin Danielle Flinders (Alicia Vikander) und der MI5-Agent James More (James McAvoy) laufen sich in einem Hotel an der französischen Atlantikküste über den Weg. Beide sind gerade in ungemein wichtiger Mission unterwegs. James soll sich in Somalia als Wasser-Ingenieur ausgeben. Und Danny bereitet eine Expedition in die Gewässer vor Grönland vor, um Erkenntnisse im Kampf gegen die Erderwärmung zu finden.  Die Beiden fühlen sich stark zueinander hingezogen und vereinbaren, sich bald widerzutreffen. Wenig später: Während Danielle im entlegensten Norden Europas ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit nachgeht, wird James in Ostafrika von Dschihadisten gekidnappt.

Nachdem er sich in jüngerer Vergangenheit vor allem dem Dokufilm widmete („Das Salz der Erde“, „Pina“), legt Regisseur Wenders mit „Grenzenlos“ nun eine Literaturverfilmung vor. Als Vorlage diente ihm der gleichnamige, 2011 veröffentlichte Roman des schottischen Wirtschaftsjournalisten J. M. Ledgard. Wenders drehte seinen mit Star-Ensemble besetzten Film im Frühjahr 2016 u.a. in Spanien und auf den Färöer Inseln. Die 15-Millionen-Dollar-Produktion erlebte seine Premiere im vergangenen Jahr auf dem Filmfest in Toronto.

„Grenzenlos“ ist eine zwiespältige Angelegenheit. Ein Film, der sich viel vornimmt und den Zuschauer durchaus zum reflektierten Denken verleiten will – über die großen und universellen Themen des Lebens und die Gefahren für unseren Planeten. Ganz ähnlich wie es die spirituell angehauchten und kunstvollen Werke eines Terence Malick immer wieder versuchen. Bei seinem Unterfangen, gleichsam philosophischer Diskurs, Entführungsstory, Liebesfilm und Drama mit Öko-Botschaft sein zu wollen, überzeugt „Grenzenlos“ aber leider nur bedingt. Und das liegt in erster Linie daran, dass gerade die beiden dramatischen Handlungsstränge – er in der Gewalt der Terroristen, sie mehrere tausend Meter tief am Grund des Ozeans – nicht zusammenpassen wollen.

Die Message, die die Story zu vermitteln versucht, ist klar: James und Danielle befinden sich beide in Extremsituationen, jeder ist mit sich allein. Doch der Vergleich hinkt und die Botschaft wirkt aufgesetzt. Denn es fehlen schlicht die gemeinsamen Elemente und Verbindungen, um die zwei Situationen auch nur ansatzweise miteinander vergleichen zu können. Zudem unterscheiden sie sich in Sachen Dramaturgie, Inszenierungsstil und Atmosphäre zum Teil erheblich. Während James um sein Leben bangt und der Willkür der zu Brutalität und Gewalt (vor allem eine schwer zu ertragende Steinigungs-Szene bleibt im Gedächtnis) neigenden Gotteskrieger ausgesetzt ist, dominiert in den Unterwasser- bzw. U-Boot-Sequenzen zumeist gähnende Langeweile.

Zwar gelingen Wenders in den unendlichen Tiefen erhabene, fast hypnotische Bilder. Doch wenn Danielle, die nichts von der Entführung weiß, in Erwartung einer Nachricht ihres Verflossenen dutzende Male mit trauriger Miene auf ihr Smartphone starrt, ist das nicht besonders originell oder mitreißend. Ärgerlich ist zudem die kitschige, bedeutungsschwangere Musik von Fernando Velázquez, die vom Geschehen auf der Leinwand ablenkt und meist in pathetische Gefilde abdriftet.

Doch nicht alles an „Grenzenlos“ ist enttäuschend. Schauspielerisch etwa überzeugt der Film. Vikander und gerade McAvoy, der seine Figur ebenso lässig wie nuanciert verkörpert, zeigen starke Leistungen. Und wenn die Beiden ihre romantischen Momente auf der Leinwand haben, dann kommt das alles andere als gekünstelt oder unglaubwürdig daher, im Gegenteil: in den Liebesszenen stimmt die Chemie und ihr Spiel ist von starker Ausdruckskraft sowie authentischer Hingabe durchzogen.

Björn Schneider