Hot Air

Als Wohlfühlfilm mit politischer Tragweite steht „Hot Air“ von vornherein zwischen den Stühlen. Der neue Film des Komödienregisseurs Frank Coraci („Der Zoowärter“) dreht sich um einen von Steve Coogan („Stan & Ollie“) gespielten Moderator, der mit reaktionärem Eifer gegen die Verhältnisse schießt und dafür von seiner liberalen Nichte am Schlafittchen gepackt wird. Mit Coogan, der „Lost in Space“-Newcomerin Taylor Russell und der „Scream“-Ikone Neve Campbell hat Coraci gutes Personal verpflichtet, das den etwas abgeschmackten Ansatz und die hergebrachte Machart weitgehend ausgleicht. Im Ergebnis ist das erbaulicher und leichtgängiger Eskapismus mit Handlungsempfehlung, der insbesondere im Mainstreamsektor gut aufgehoben scheint.

Webseite: www.kinostar.com

USA 2018
Regie: Frank Coraci
Drehbuch: Will Reichel
Darsteller/innen: Steve Coogan, Taylor Russel, Neve Campbell, Skylar Astin, Pico Alexander, Skylar Astin, Judith Light, Griffin Newman, Lawrence Gilliard Jr.
Laufzeit: 99 Min.
Verleih: Kinostar
Kinostart: 5. September 2019

FILMKRITIK:

In seiner Talksendung „Fired Up“ wettert der New Yorker Radiomoderator Lionel Macomb (Steve Coogan) mit wutbürgerlichem Elan gegen Obamas Gesundheitsreform („Uncle Sam ist nicht Ihr Arzt“) oder Einwanderer, die die „Grenzen fluten“. Seine wenig zimperliche Meinungsmache, bei der er neben einer Senatorin auch die eigene Zuhörerschaft beleidigt, soll allen „Frustrierten die Wahrheit“ auftischen (hierzulande wäre Macomb wohl BILD-Redakteur). Das millionenfach gehörte Format gießt Öl ins Feuer aktueller Debatten. Derzeit schwächelt die Quote des berühmt-reichen Radiostars allerdings, weil ihm sein Ex-Lehrling Gareth (Skylar Astin) mit einer Konkurrenzsendung das Publikum klaut.
 
Auch privat muss Macomb seine Komfortzone verlassen, als seine 16-jährige Nichte Tess (Taylor Russell) unerwartet vor der Tür steht. Die Mutter der halb afroamerikanischen Teenagerin macht ein Entzugsprogramm durch, weswegen Lionel die Verwandte wohl oder übel aufnimmt. Während Lionel, dessen herzliche Freundin Valerie (Neve Campbell) und die smarte Tess sich kennenlernen, zweifelt die Nichte die Methoden des Onkels an und bewegt den Einpeitscher zum sachten Umdenken.
 
Das Skript des Debütautors Will Reichel verbindet eine humorvoll-beschwingte Erzählweise mit einer klaren gesellschaftlichen Botschaft, bei es darum geht, die Gräben zwischen den politischen Lagern nicht weiter zu zementieren, sondern zu überwinden. Anhand des Moderators Macomb und seiner Diskussionen mit Tess führt der Film vor, wie eine abgestumpfte Sprache extreme Positionen mehr und mehr salonfähig macht. Bis Lionel das einsieht, vergeht eine Weile, doch dann zitiert er sogar Obama: „Wir können uneins sein, ohne hässlich zu werden.“
 
Inszenatorisch dreht Frank Coraci keine sonderlichen Pirouetten. Wo der Auftakt noch in zackiger Clip-Ästhetik daherkommt, fällt die anschließende Inszenierung konventioneller aus. Die vielen Dialoge und Streitgespräche werden ganz klassisch in Schüsse und Gegenschüsse aufgelöst, dazwischen gibt es Reaction Shots und klare Aufnahmen, die schlicht zeigen, was da ist, aber keine Meinung dazu vertreten. Auch die Musikuntermalung fällt simpel aus, indem sie die Emotionen schlicht doppelt. Das Handwerk ist solide genug, um nicht zu stören, stellt aber keinen Wert an sich dar, sondern wirkt ganz auf die inhaltliche Vermittlung hin.
 
Schauspielerisch sieht es besser aus. Steve Coogan zeigt abermals, dass er keineswegs nur eine Ulknudel, sondern ein Charaktermime ist. Das fällt besonders auf, wenn Macomb nach der Läuterung vom Saulus zum Paulus immer noch unsympathische Ecken und Kanten hat. Trotzdem schafft es Coogan, ein gewisses Mitgefühl für den Hardliner zu wecken, was das inhaltliche Anliegen unterstreicht: Seht her, sagt der Film, dieser Typ ist ein Wüterich, aber eben auch nur ein Mensch. Mit der Nachwuchsdarstellerin Taylor Russell und der Kanadierin Neve Campbell stehen Coogan zwei ebenso patente Kolleginnen zur Seite, deren Charaktere nicht nur in Bezug auf Macomb existieren, sondern eigene Dynamiken entwickeln.
 
Das Herzstück der Tragikomödie ist weder die filmische Umsetzung noch die oft gesehene Konstellation, bei der eine Filmfigur eine andere zur Neuorientierung anregt. Im Fokus steht die Botschaft, dass man aller Spaltungen zum Trotz im Gespräch bleiben und zuhören soll – auch wenn das in Anbetracht mancher Auswüchse (bei uns: „Absaufen! Absaufen!“) unmöglich scheint. Die Ermunterung dazu ist dennoch allemal sinnvoller als der Abbruch der Kommunikation.
 
Christian Horn