Krieg & Spiele

Um die Zukunft des Krieges geht es in Karin Jurschicks Dokumentation „Krieg & Spiele“, um die zunehmend realen Möglichkeiten der Technik, um per Fernsteuerung ins Ziel gelenkte Bomben, um Drohnen, die ohne eigene Gefahr Feinde eliminieren, um die Entwicklung der Technik, die die Moral zu überholen droht. Eine komplexe, erhellende, oft erschreckende Dokumentation.

Webseite: www.realfictionfilme.de

Deutschland 2016 –
Regie & Buch: Karin Jurschick
Länge: 90 Minuten
Verleih: 18. August 2016
Kinostart: Real Fiction
 

FILMKRITIK:

Das Ikonische Bild des kurzen Golfkriegs im Februar 1991 waren die körnigen Bilder von Kameras, die im Kopf von Marschflugkörpern installiert waren und mitverfolgen ließen, wie die todbringenden Raketen scheinbar punktgenau in ihre Ziele einschlugen. Klinisch kaltes Töten war das angeblich, ein Krieg scheinbar ohne zivile Opfer, eine futuristische Art der Kriegsführung, die 25 Jahre später geradezu veraltet wirkt. Inzwischen sind Drohnen das Mittel der Wahl, ferngesteuerte Fluggeräte, die einerseits zur Überwachung dienen, vor allem aber auch in tausenden Kilometer Entfernung von der Einsatzzentrale tatsächliche oder auch nur mutmaßliche Terroristen töten können.

Eine faszinierende Technik ist dies ohne Frage, wie auch Karin Jurschick feststellt, als sie zu Beginn ihrer Dokumentation „Krieg & Spiele“ in Israel beim führenden Hersteller für aller Art von unbemannten Flugvehikeln zu Besuch ist. Schon vor 40 Jahren begann hier die Entwicklung solcher Waffen, die inzwischen gerade vom amerikanischen Militär zum Rückgrat der Verteidigungsstrategie geworden ist. Doch welche Folge hat es, wenn ein Krieg nicht mehr von Auge zu Auge geführt wird, man nicht mehr unmittelbar erlebt, wie ein anderer Mensch stirbt, sondern man nur noch am Computer Joystick und Knöpfe bedienen muss, um am anderen Ende der Welt Leben auszulöschen.

Diese Frage stellt sich etwa der Politikwissenschaftler Herfried Münckler, der in seinen Standardwerken wie „Die neuen Kriege“, die so genannte asymmetrische Kriegsführung beschreibt, also einen Krieg, der nicht mehr zwischen regulären Armeen geführt wird, sondern gegen terroristische Vereinigungen. Gegen diesen Gegner kann man mit konventionellen Methoden kaum etwas erreichen, doch rechtfertigt das die extralegale Tötung mutmaßlicher Terroristen? Selbst ein ehemaliges Mitglied der obersten Verteidigungsbehörde der USA beschreibt dies unverblümt als Mord und wirft die Frage auf, wie Ethik und Moral angesichts dieser technischen, ja fast spielerischen Kriegsführung Schritt halten können.

Das Spiel des Titels kommt insbesondere in Gestalt des Programmierers Dave Anthony ins Spiel, der mit Spielen wie „Call of Duty“ Millionär geworden ist und in diesen Spielen militärische Konzepte vorausgeahnt hat, die erst langsam Wirklichkeit werden. Die Verschmelzung von realer Kriegsführung und virtuellen Computerwelten ist von Computerspielen schon lange vorweggenommen worden, nicht umsonst rekrutieren Armeen zunehmend auch junge Männer, die weite Teile ihrer Jugend vor dem Computer verbracht und dabei unzählige virtuelle Gegner getötet haben.

Immerhin sitzen hier noch Menschen an den Rechnern, doch in Zukunft könnte auch das überflüssig werden: Immer besser werden Roboter, immer selbstständiger agieren Computerprogramme, immer näher kommt die Forschung der Entwicklung tatsächlicher Künstlicher Intelligenz, so dass sich zunehmend die Frage stellt, wie viel Autonomie der Mensch an Computer abgeben soll und will. Eine Antwort auf diese Frage versucht Karin Jurschick nicht zu geben, doch mit ihrer vielschichtigen, aufregenden Dokumentation „Krieg & Spiele“ sorgt sie dafür, dass die Frage überhaupt gestellt wird.
 
Michael Meyns