Madame (2019)

„Madame“ erzählt von der Großmutter des Regisseurs Stéphane Riethauser, einer resoluten, schon längst verstorbenen Dame, mit der ein verspäteter Dialog geführt wird, der notgedrungen eher einem Monolog gleicht. In diesem verhandelt Riethauser auf selbstironische, aber auch schonungslose Weise sein Coming Out, vor allem aber, wie ihn die patriarchalische Welt, in der er aufwuchs, prägte.

Webseite: www.salzgeber.de

Dokumentation
Schweiz 2019
Regie & Buch: Stéphane Riethauser
Länge: 93 Minuten
Verleih: Edition Salzgeber
Kinostart: 12. Dezember 2019

FILMKRITIK:

Spät fand Stéphane Riethauser zum Film, gleichzeitig aber auch früh, und nur diesen frühen, schon im Kindesalter, damals noch auf 8mm gedrehten Bildern, ist es zu verdanken, dass „Madame“ in dieser Form existiert. Fast 50 Jahre alt ist der Schweizer inzwischen, hat einen Abschluss in Jura, arbeitete als Lehrer, Fotograf, Journalist, engagiert sich inzwischen vor allem als Aktivist für die Rechte von Homosexuellen und dreht als Filmemacher Dokumentarfilme.
 
„Madame“ ist nun ein filmisches Selbstporträt, auch ein Doppelporträt, von Riethauser und seiner Großmutter, mit der ihn bis zu ihrem Tod ein inniges, aber offenbar nicht immer unkompliziertes Verhältnis verband. Wobei dieses Verhältnis wohl nicht komplizierter war als das, was Riethauser zu seinen Lebensumständen hatte, zu der Welt, in die er hineingeboren wurde, deren Werte ihm aufgezwungen wurden, deren Weltanschauungen er lange Jahre zu entsprechen suchte.
 
Mit schonungsloser Offenheit, dabei aber nie verbittert, sondern immer von leiser Selbstironie geprägt, erzählt Riethauser, wie er in einer gut situierten bürgerlichen Familie in der ohnehin bürgerlichen, konservativen Schweiz aufwuchs und versuchte, den Vorstellungen des Patriarchats zu entsprechen. Dazu gehörte für ihn als Jungen vor allem ein Mann zu werden, Geld zu verdienen, zu heiraten, Kinder zu bekommen.
 
Lange Jahre versuchte Riethauser nach eigener Auskunft diesem Lebensmodell zu entsprechen, obwohl er schon früh merkte, dass er sich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlte. Doch diesem Verlangen nachzugeben war besonders in der Welt, in der Riethauser aufwuchs unmöglich. Stattdessen agierte Riethauser besonders heteronormativ, hatte Freundinnen und zog mit besonderer Inbrunst über Schwule und Lesben her, um nur ja zu zeigen, wie sehr er der Norm entsprach.
 
Die Tennisspielerin Martina Navratilova etwa, die zu diesem Zeitpunkt, Mitte der 80er Jahre, ihr eigenes Coming Out noch vor sich hatte, wurde von Riethauser vor dem Fernseher vehement als Lesbe beschimpft, so sehr, dass sich selbst die Mutter irritiert zeigte. Jahre später sollte Riethauser, inzwischen offen schwul lebend, Navratilova als Aktivist wieder begegnen. Dass er von solchen Momenten, in denen er selbst nicht immer im besten Licht erscheint, mit größter Offenheit berichtet, macht die Qualität von „Madame“ aus. Zumal es Riethauser gelingt zu zeigen, dass sein eigenes Verhalten vor allem von den Erwartungen und Notwendigkeiten der patriarchalischen Gesellschaft geprägt war, in der er aufwuchs.
 
Nicht darum sich selbst (oder andere, die ähnlich agieren) zu entschuldigen, geht es Riethauser jedoch, sondern um das Aufzeigen von gesellschaftlichen Strukturen, in denen es dem Individuum schwerfällt, gegen den Strom zu schwimmen. Und genau das macht „Madame“ letztlich zu viel mehr als bloß einem Film über das eigene Coming Out. So subjektiv Riethausers Ansatz auch ist, durch seinen klugen Blick auf das Spezielle seines eigenen Lebens, gelingt es ihm Allgemeingültiges über die Gesellschaft zu erzählen und einen Film zu drehen, der nicht nur Homosexuelle angeht, sondern vor allem auch Heterosexuelle.
 
Michael Meyns