Martin Margiela – Mythos der Mode

Martin Margiela ist ein Phänomen. Mit seinen Schnitten revolutionierte der große belgische Unbekannte die Modewelt. Seit er Ende der 1980er Jahre sein Modehaus Maison Margiela gründete, existiert kein Foto von ihm. Interviews gab er nur im kollektiven Wir-Stil per Fax. Trotzdem wirkte die Kreation seines Anti-Images glaubwürdig. Regisseur Reiner Holzemer gelingt mit seinem fesselnden Fashion-Dokumentarfilm eine faszinierende Annäherung an den kamerascheuen Avantgardisten, ohne dass er das Geheimnis der Designerpersönlichkeit preisgeben muss. Seine berührende, respektvolle Hommage zeigt die Legende lebt weiter.

Webseite: www.filmweltverleih.de

Dokumentation
Deutschland 2019
Regie und Buch: Reiner Holzemer
Kamera: Reiner Holzemer, Toon Illegems
Montage: Helmar Jungmann, Stephan Krumbiegel
Darsteller: Jean-Paul Gaultier, Carine Roitfeld, Cathy Horyn, Etienne Russo, Lidewij Edelkoort, Oliver Saillard.
Musik: dEUS
Länge: 90 Minuten
Verleih: NFP / Filmwelt
Kinostart: 28.5.2019

FILMKRITIK:

Regisseur Reiner Holzemer besitzt Erfahrung im Umgang mit kamerascheuen Avantgardisten. Vor zwei Jahren porträtierte er bereits den ähnlich zurückhaltenden belgischen Designer Dries van Noten. Für seine hervorragende Doku „Dries“ begleitete er den Modepoeten über vier Kollektionen hinweg. Wie Dries van Noten studierte auch Martin Margiela an der Antwerpener Königlichen Akademie der Schönen Künste. Beide gehörten zum legendären Kreis der „Antwerp Six“, einer Generation von Modemachern, die den Ruf der Belgier als radikal-experimentelle Konzeptionalisten begründete.

Kein anderer Modeschöpfer nahm sich freilich dermaßen zurück. Wer nun hofft, endlich das Gesicht des schwer fassbaren belgischen Designers in der neuen Doku zu sehen wird enttäuscht. Denn die Kamera konzentriert sich auf seine Hände, um seinen Wunsch nach Schutz der Anonymität zu wahren. Seine sympathische Stimme erklingt lediglich aus dem Off. Trotzdem entsteht ein erstaunlich intimer Einblick in den kreativen Prozess des sensiblen Designers und seiner einflussreichen Arbeit. Spannend führt die Doku durch die Jahre 1989 bis 2009 seines gleichnamigen Labels, bevor Margiela sich endgültig von der Mode verabschiedet.

Gleich zu Beginn verrät der „Banksy der Mode“ seine Vorliebe für das Surreale. Die Täuschung ist sein Terrain. Wie bei dem dadaistischen Künstler Man Ray, den er bewundert, verschwimmen das Bizarre und das Bekannte. Eine ästhetische Radikalität befeuert sein Werk. Ungemein berührend wirkt es danach, wenn der inzwischen 62jährige seine frühen Kindheits-Zeichnungen hervorholt. Ein kleines Heft mit Skizzen für Outfits seiner Barbiepuppen mit bunten Stoffresten, die ihm seine schneidernde Großmutter überließ. Darunter eine Kopie eines Yves Saint Laurent Blazers, den er später in Originalgröße für seine Kollektion von 1994 entwerfen wird.

Margielas Mutter bewahrte alle frühen Zeichnungen, Skizzen und Barbie-Puppen ihres Sohnes auf. Sie verkaufte Perücken. Ihr Mann war Friseur. „Ich verbrachte Stunden im Friseurladen“, erzählt Margiela, „und sah zu wie die abgeschnittenen Haare auf den Boden fielen und die Kunden hindurchgingen“. Dass seine spätere Entscheidung die Gesichter seiner Models mit Perücken und seine Mäntel mit Echthaar zu bedecken, davon inspiriert war, scheint augenfällig. Bereits als Sechsjähriger stand für ihn fest: „Ich werde Modedesigner in Paris“. Seine Eltern freilich, bitten den Sohn seinen Berufswunsch nicht mehr vor Gästen zu äußern. Zu exotisch klingt das für ihr Umfeld.

Ausgefranst sind die Säume, nach außen gekehrt die Nähte, Löcher wie von Motten fressen sich ins Wollgewebe. Dekonstruktion nennt sich sein in den späten 80er Jahren spektakuläres Verfahren, Kleidungsstücke auseinander zu nehmen und neu zusammenzusetzen. Seine nach allen Mitteln der Kunst dekonstruierte Streetwear hat längst ihre Nachahmer von Boss bis hin zu H & M gefunden. Archivaufnahmen zeigen legendäre Kollektionen, wie die erste Laufsteg-Show in einem Banlieue am Rande von Paris. Afrikanische Kinder laufen zwischen die Models hin und her, es gibt keine Platzkarten, also auch keine heiß umkämpfte Front Row, Die arrivierte Modeszene ist irritiert.

Es ist eine spielerische Rationalität, die Margielas Werk prägt, eine fast kindlich anarchische Intellektualität, immer wieder aufgehoben durch die Sinnlichkeit seiner verspielten, Entwürfe:
Der Pullover aus den Socken von Soldaten, das Jacket aus weißen Elastikstreifen, die berühmten „tabi shoes“ mit ihren Ausstülpungen für den einzelnen Zeh, den Japanern abgeschaut. Als ihn 1997 der CEO von Hermès Jean-Louis-Dumas fragt, ob er nicht die Prêt-à-Porter Kollektionen entwerfen wolle, hatte sich der innovative Pionier bereits mit seinem avantgardistischen Stil einen Namen gemacht.

Margiela nimmt das Angebot damals an. Sechs Jahre lang schenkt er dem französischen Label seine kreativen Ideen. Nicht alle schätzen seine zeitlosen Entwürfe für Hermès. Einige vermissen gar das typische Pferdekopf-Design. Sein nächstes Tete a Tete: ein Intermezzo mit Diesel-Gründer Renzo Russo. Der Italiener, wie er ein Mann aus einfachen Verhältnissen, scheint ihm der Richtige. Diesel galt lange als Marke für echte Kerle. Und auch Margiela gibt in einem Nebensatz zu, dass er kein leidenschaftlicher Anzugträger ist. Seine „Uniform“: Jeans und T-Shirt.

Trotzdem ist das Ganze am Ende keine glückliche Verbindung. Die Forderungen des neuen Stakeholders seine Kollektion „sexy“ zu machen, irritieren ihn. Denn schließlich stellte er zusammen mit Jenny Meirens, seiner ursprünglichen Geschäftspartnerin, traditionelle Vorstellungen von Glamour und Sexyness infrage. Sie wollte, dass Frauen Mode nicht deshalb tragen, um Männern zu gefallen. Kleidung sollte Frauen und Männer gleichermaßen faszinieren.

Aber auch die zunehmende Digitalisierung und das damit verbundene wachsende Tempo setzt ihm zu und führt zum Rückzug aus der schnelllebigen Modewelt. Seine Angst: Träume und Sehnsüchte zu verlieren. Doch als Regisseur Holzemer ihn am Schluss der hervorragenden Doku fragt: „Hast du alles über Mode gesagt, was dir wichtig war?“ reagiert das scheue, ehrgeizige Ausnahmetalent überraschend. Mit einer entschiedenen Bewegung legt seine Hand die schwarze Brille auf den Schreibtisch. Ein klares „Nein“ erklingt. Ein emotionales Statement, das bewegt.

Luitgard Koch