Match point

USA 2005
123 Min. – Farbe
Regie: Woody Allen.
Mit Jonathan Rhys-Meyers, Scarlett Johansson, Emily Mortimer, Brian Cox, Matthew Goode u.a.

Seit Jahren behaupten böse Zungen ja gerne, dass Woody Allen im Prinzip immer dieselben Filme mache, leichte Variationen werden ihm dabei nicht abgesprochen. Umso erstaunlicher ist nun „Match Point“ geraten, der zunächst recht wenig mit Allens bisherigem Schaffen zu tun haben scheint. Da der „Stadtneurotiker“ seinem New York bislang nur ungern den Rücken gekehrt hat, die Sonne dort jedoch „der Fluch seiner Existenz“ war, zog es ihn ins regnerische London, wo mit „Match Point“ sicherlich einer seiner bösesten und kältesten Filme erstand und trotz allem, es ist ein Film über das Glück.

Der talentierte, aber nicht sonderlich ambitionierte Chris Wilton lässt seine Karriere als Tennisprofi fallen, um in einem Londoner Highsociety-Club  seinen Lebensunterhalt als Tennislehrer zu verdienen. Schnell findet sich der aus ärmlichen Verhältnissen stammende junge Mann in der Upper Class zurecht und knüpft behände seine ersten Kontakte. In dem zynischen Tom Hewett findet er einen Freund und in dessen Schwester Chloe eine Geliebte. Durch ihren Einfluss gelingt ihm der große Karrieresprung ins Business und kurze Zeit später läuten bereits die Hochzeitsglocken.
Alles könnte nun so schön sein, wenn da nicht noch die arbeitslose Möchtegern-Schauspielerin Nola wäre. Sie ist nämlich nicht nur Toms Verlobte, sondern auch Chris Wiltons große Obsession. Während Chloe ihm finanzielle Sicherheit bietet, befriedigt Nola seine sexuellen Begierden – und so ist der aufstrebende Chris schon rasch von zwei Frauen abhängig. Als Nola ihm eines Tages verkündet, dass sie von ihm schwanger sei, muss er sich entscheiden. Doch dafür geht er über Leichen…

Zunächst ist es einmal schwer zu glauben, dass es sich bei „Match Point“ um einen Woody Allen Film handelt. Nicht nur, dass der Handlungsort ungewöhnlich ist, auch dürfte der Film mit über zwei Stunden das längste Werk des kleinen Mann mit der Hornbrille sein. Zudem wurde der typische Wortwitz zugunsten knapper und sarkastischer Dialoge fast gänzlich fallen gelassen. Auch wenn typische Sätze fallen wie „Glaube ist der Weg des geringsten Widerstands“, so sprechen sie hier alle; der bislang obligatorische Allen-Charakter fehlt gänzlich. Und hatte der Regisseur noch in dem thematisch ähnlich gelagerten „Verbrechen und andere Kleinigkeiten“ mehrere Geschichten am Ende zusammenlaufen lassen, so arbeitet er in „Match Point“ auf mehreren Ebenen gleichzeitig.
Der Film beginnt als sezierendes Portrait der Highsociety, kippt dann in eine Liebestragödie um und endet schließlich in einem aufwühlenden Thriller. Und erst die zynischen und wirklich abgefahrenen letzten Minuten erinnern den Zuschauer über einen längeren Zeitraum daran, dass sie sich in Woody Allens neustem Werk befinden. Mit den Bergman-beeinflussten  Filmen wie „September“ oder „Innenleben“ hat die Ernsthaftigkeit von „Match Point“ jedoch nichts zu tun, und diese Eigenständigkeit lässt „Match Point“ dann doch wieder zu einem typischen und kompromisslosen Allen Film werden.
Ein Film, der nicht nur deutlich macht, dass Glück nur ein Moment, mitnichten aber ein Zustand ist, sondern auch, dass es sich beim Glück um eine Frage der Perspektive handelt.

Oliver Forst