Matthias und Maxime

Ein Wunderkind wird erwachsen: In seiner mittlerweile achten Kinoregiearbeit befasst sich Autorenfilmer Xavier Dolan auf feinfühlige Weise mit dem Ende der Jugendzeit und den verwirrenden Gefühlen, die ein Kuss unter Freunden hervorruft. Erstmals seit „Sag nicht, wer du bist!“ aus dem Jahr 2013 ist der Frankokanadier zudem wieder in einem seinen eigenen Filme als Hauptdarsteller zu sehen.

Website: www.pro-fun.de

Originaltitel: „Matthias et Maxime“
Kanada 2019
Regisseur: Xavier Dolan
Drehbuch: Xavier Dolan
Darsteller: Xavier Dolan, Gabriel D’Almeida Freitas, Pier-Luc Funk, Samuel Gauthier, Antoine Pilon, Micheline Bernard, Anne Dorval, Catherine Brunet u. a.
Länge: 119 Minuten
Verleih/Vertrieb: PRO-FUN MEDIA
Kinostart: 05.11.2020

FILMKRITIK:

Für eine Filmkarriere, wie Xavier Dolan sie mit inzwischen 31 Jahren aufweisen kann, brauchen andere vermutlich ein ganzes Leben. Bereits im Kindesalter spielte er in Werbespots mit. Später kamen Rollen in Serienepisoden und Spielfilmen hinzu. Und 2009 feierte sein aufsehenerregendes Regie- und Drehbuchdebüt „I Killed My Mother“ auf dem Filmfestival von Cannes seine Uraufführung. Mit dem intimen Drama „Matthias & Maxime“ legt der in Montreal geborene, kreativ umtriebige Filmemacher und Schauspieler nun seine achte Leinwandarbeit vor, die nach dem von der Kritik verrissenen „The Death and Life of John F. Donovan“ eindrucksvoll beweist, dass Dolan künstlerisch noch nicht in einer Sackgasse gelandet ist.

Der Regisseur und Skriptautor selbst verkörpert in seinem neuen Film den Barkeeper Maxime, der ein angespanntes Verhältnis zu seiner entmündigten Mutter (Anne Dorval) hat. Da er in Kürze für einige Zeit nach Australien gehen wird, muss er ihre Versorgung regeln, was ohnehin schwelende Konflikte befeuert. Gemeinsam mit seinem besten Kumpel Matthias (Gabriel D’Almeida Freitas) nimmt Maxime an einem Partywochenende mit Freunden in einem Haus am See teil. Aufgrund einer verlorenen Wette muss Matthias in einem Kurzfilm mitwirken, den die Schwester eines der Anwesenden dreht. Was er und Maxime, der sich freiwillig als Schauspieler meldet, anfangs nicht wissen: Vor der Kamera soll es zwischen ihnen zu einem Kuss kommen. Letzten Endes lassen sich die beiden darauf ein und ringen im Anschluss mit ihren Gefühlen.

Wie auch in früheren Werken Dolans braucht man bei „Matthias & Maxime“ etwas Zeit, um sich zu orientieren. Bei dem Treffen der Freunde sprechen die Figuren ständig durcheinander. Immer wieder werden Insiderwitze gerissen. Und regelmäßig wechseln die Themen der Gespräche ansatzlos. Anfangs fühlt man sich ein wenig verloren, außen vor. So, als käme man auf einer Feier in einen Raum, in dem ausschließlich Menschen sitzen, die sich schon seit vielen Jahren kennen. Der Regisseur fängt das Gruppengefühl authentisch ein und bereitet damit den Boden, um sich im weiteren Verlauf Gedanken über das Ende der jugendlichen Unbeschwertheit zu machen.

Maxime, Matthias und ihre Freunde sind alle in den Zwanzigern und haben in ihrem Leben einen Moment erreicht, in dem die alte Freiheit langsam zu verfliegen droht. Während einige noch daran festzuhalten versuchen, sind andere bereit, zu neuen Ufern aufzubrechen. Veränderungen stehen vor der Tür. Veränderungen, die es erschweren, gemeinsam Spaß zu haben. Schon früh legt sich, auch durch eine dezente Klaviermusik, eine melancholische Note über den Film, die in einem Hollywoodstreifen wahrscheinlich dick aufgetragen daherkäme. Hier schwingt sie dagegen stets erfreulich unaufdringlich mit.

Behutsam nähert sich Dolan zudem dem emotionalen Widerstreit seiner Titelhelden. Beide sind nach dem Kuss verwirrt und gehen auf unterschiedliche Weise mit den plötzlich aufgeflammten, mehr als nur freundschaftlichen Gefühlen um. Gerade weil er schon bald in Australien sein wird, verspürt Maxime zunehmend den Wunsch, Matthias um sich zu haben. Sein Freund wiederum, der ausgerechnet jetzt einen Karrieresprung machen könnte, muss öfters an das Erlebte denken, will es zugleich aber beiseiteschieben und legt in der Folge ein immer aggressiveres Verhalten an den Tag.

Dolans Drehbuch bauscht den Konflikt nicht in übertriebenem Maße auf, sondern zeichnet die Reise seiner Protagonisten glaubhaft und behutsam nach. Der Lohn sind, nicht zuletzt dank überzeugender Darbietungen, einige ehrliche berührende Szenen, die Verletzungen und Demütigungen ebenso wie Leidenschaft und Anziehung präzise offenlegen. Häufig stürzt sich die Kamera mitten ins Getümmel und rückt den Figuren dicht auf die Pelle. Manchmal gehen der Regisseur und sein Stammkameramann André Turpin allerdings auch etwas auf Distanz und setzen die Hauptfiguren im Bild in eine Rahmung – oft die eines Fensters. Die beiden sind gefangen in einem unerfüllten Leben, aus dem sie ausbrechen müssen, scheinen uns diese Impressionen sagen zu wollen.

Abseits der Haupterzählung gelingen Dolan mehrere eindringliche Alltagsbeobachtungen, etwa zu den Unterschieden zwischen den Millennials und der nachfolgenden Generation. Besonders hervorzuheben sind sicherlich die Konfrontationen zwischen Maxime und seiner Mutter. Ein Aspekt, der sich wie ein roter Faden durch das bisherige Schaffen des kanadischen Filmemachers zieht und einmal mehr für schmerzhaft-aufreibende Momente gut ist.

Christopher Diekhaus