Mean Creek

USA 2004
Regie & Buch: Jacob Estes
Darsteller: Rory Culkin, Josh Peck, Ryan Kelley, Scott Mechlowicz, Carly Schroeder
Verleih: Tobis
89 Minuten
Kinostart: 26. Mai 2005

Gute Coming-of-Age-Filme müssen sehr schön und sehr traurig sein und einem das Herz zerreissen mit der Spannung zwischen diesen beiden Zuständen. Dieses Gefühl, das die intensivsten Phasen in dieser Lebenszeit ausmacht und als Grundstimmung den Klassikern des Genres ihren Zauber verleiht, fängt Jacob Estes´ Debüt Mean Creek genau ein und erinnert in seiner emotionalen Intensität und komplexen moralischen Fragestellung an Rob Reiners Stand by me und Sofia Coppolas The Virgin Suicides. 

Vor der Folie des Erwachsenwerdens, dieses seltsamen Zustands voller Unsicherheit und Suche nach Orientierung, erzählt Estes eine Geschichte von Gewalt und den Folgen, die alltäglich beginnt und in einer Katastrophe endet. George (Josh Peck) ist ein Einzelgänger und schulbekannter Schläger, der regelmäßig grundlos über Mitschüler herfällt. Als er den jüngeren Sam (Rory Culkin) brutal verdrischt, beschliessen dessen älterer Bruder Rocky und seine Freunde sich zu rächen. Sie locken George unter einem Vorwand auf eine Bootstour  und planen, ihn auf verschiedene Weise zu demütigen. Beim Ausflug kommt Georges verborgene Seite zum Vorschein; die Freunde erkennen in ihm einen einsamen Jungen, der verzweifelt nach Anerkennung und Freundschaft sucht. Vier der fünf kommen schnell überein, den Plan abzublasen, doch Cliquenführer Marty (Scott Mechlowicz) ist selbst voller Aggression. Zwischen ihm, George und dem Rest der Gruppe entsteht eine immer unkontrollierbarere Konfrontation. Hochspannend ist diese erste Stunde des Films, die von Anfang an getrübte Idylle der Flußfahrt und das immer dramatischere Treiben bis zum schrecklichen Höhepunkt – von dem man ahnt, daß er kommen muß, und dann doch überrascht wird.

Als die Katastrophe passiert, kommt sie ganz schnell und unspektakulär, im Gegensatz zum emotionalen Aufruhr vorher, so daß man wie die Jugendlichen ein paar Momente lang nicht realisiert, was da passiert ist. Den langen Moment des Schocks, des Realisierens der schrecklichen Wahrheit inszeniert Estes in tödlicher Stille und Bewegungslosigkeit, als würde die Welt innehalten. Die einsetzenden Fragen nach Schuld, Verantwortung und Umgang mit dem Geschehenen torpedieren die Gruppe und zwingen jeden einzelnen, nach eigenen moralischen Grundsätzen zu handeln – oder diese angesichts eines unfassbaren Ereignisses überhaupt erst zu bilden.  

Seine Intensität gewinnt der Film vor allem aus der glaubwürdigen Schilderung der Strukturen innerhalb der Gruppe, in der Freundschaft unter Ausnahmebedingungen leicht in Gegnerschaft umschlagen kann und umgekehrt. So ungeschützt und gefährdet wie in den Cliquen Pubertierender stoßen die Menschen sonst nie wieder aufeinander, dachte ich beim Betrachten der sechs jungen Charaktere und ihrer Psychospielchen, Angebereien und Kämpfe um Würde und Ansehen untereinander – aber auch ihrer Nähe und Freundschaft zueinander.

Viel Stimmiges hat Jacob Estes zusammengebracht, vor allem ein hervorragendes Drehbuch und sechs großartige junge Schauspieler. Josh Peck als der leicht größenwahnsinnige, einsame George und Scott Mechlowicz als der verletzt-gewalttätige Marty tragen den Film; Rory Culkin, der jüngste Bruder der Kinderstarfamilie, hat es mit seinem klassischen Kindchenschemagesicht leicht, in der Rolle des mutigen kleinen Sam zu rühren – aber er ist auch richtig gut.

Prägend für die Atmosphäre ist von Anfang an der fantastische Soundtrack von Tomandandy (die schon den Score zu Natural Born Killers schrieben), der nicht wie in vielen Filmen als bloße Illustration fungiert, sondern als gleichwertiges Erzählmittel neben Bild und Dialog; die Musik spielt hier oft die Rolle des Unterbewußten und läßt diffuse Gefühle und drohendes Unheil schon vorklingen, wenn Bild und Sprache noch nichts davon wissen. Aus allen drei Dimensionen zusammen komponiert Estes eine Filmerzählung von nicht nachlassender Spannung und großer emotionaler Ernsthaftigkeit.

Wie es mit den Freunden weitergeht, können wir am Ende nur vermuten, aber es ist klar, daß die gemachten Erfahrungen unauslöschlich sind und die getroffenen Entscheidungen sie ein Stück erwachsener gemacht haben. Und es ist auch klar, daß sie selber das erstmal gar nicht verstehen. In Mean Creek kann man eine solche Erfahrung in aller Härte miterleben.

Susanne Stern