Moskau Einfach!

Was in Deutschland Radikalenerlass hieß, sorgte in der Schweiz Ende der 80er Jahre als Fichenaffäre für einen Skandal: Die massenweise Überwachung sogenannter unliebsamer Elemente. Auch über Micha Lewinsky wurde eine solche Akte angelegt, was der Autor und Regisseur in seinem Film „Moskau Endlich!“ als Ausgangspunkt einer etwas betulichen Komödie nimmt.

Website: https://arsenalfilm.de/moskau-einfach/index.htm

Schweiz 2020
Regie: Micha Lewinsky
Buch: Micha Lewinsky, Plinio Bachmann, Barbara Sommer
Darsteller: Philippe Graber, Miriam Stein, Mike Müller, Michael Maertens, Fabian Krüger, Peter Jecklin, Urs Jucker
Länge: 99 Minuten
Verleih: Arsenal
Kinostart: 15. Oktober 2020

FILMKRITIK:

Grauer als Viktor Schuler (Philppe Graber) kann eine Maus kaum sein. Bei der Zürcher Polizei schiebt Schuler Akten und verbringt die Abende allein vor dem Fernseher. Dort sieht auch er, wie zur Premiere von Max Frischs Stück „Jonas und sein Veteran“ im Oktober 1989 die Debatte hochkocht, über die das Volk bald abstimmen soll: Braucht die Schweiz eine stärkere Armee um sich im Fall der Fälle verteidigen zu können? Der Kalte Krieg ist schließlich noch im Gange, den Fall der Mauer kann sich noch niemand vorstellen.

Besonders gefährdet scheint die staatliche Ordnung durch die linke Szene, besonders die Schauspieler am Schauspielhaus. Um sie zu überwachen, soll Schuler sich als Statist verdingen und erkunden, wie auf der Bühne, die die Welt bedeutet, die Revolution geplant wird. Gesagt getan, aus Viktor Schuler wild Walo Hubacher, Matrose, ganz der linken Zeit mit Schlabberpulli und Lederjacke bekleidet.

Doch statt linker Unbill findet Viktor am Theater nur heraus, dass dort mit dem eisernen Vorhang der Brandschutz vor der Bühne gemeint ist und Stanislawski kein Mittelsmann in Moskau ist. Auf der Bühne agiert er in zunehmend wichtiger Rolle in einer Inszenierung von Shakespeares „Was ihr wollt“, und neben der Bühne kommt er der Schauspielerin Odile (Miriam Stein) näher. Und spätestens als dann im fernen Berlin die Mauer fällt, beginnt Viktor seine einst gefestigten Überzeugungen zu hinterfragen.

In der Schweiz sorgte die Fichenaffäre, als sie Ende der 80er Jahre aufgedeckt wurde für einen Skandal. Im Laufe der Jahre waren an die 900.000 Akten angelegt worden, auch völlig unbescholtene Bürger waren überwacht und im schlimmsten Fall daran gehindert worden, bestimmte, als sensibel erachtete Berufe zu ergreifen. Im Fall von Micha Lewinsky sorgte ein Anruf bei der russischen Botschaft für das Anlegen einer Akte: Der damals 14jähriger wollte für ein Schulreferat Informationen über die Transsibirische Eisenbahn erfragen. Angesichts dieses absurd nichtigen Anlass für eine Überwachung, lag der Gedanke sicher nah, eine Komödie über die Affäre zu drehen, die zudem einen anderen Aspekt thematisiert: Den Versuch der Sicherheitsorgane, scheinbar verdächtige Gruppen zu infiltrieren. Aus den Gegensätzen zum spießigen Viktor Schuler, der in einer Art Stockholm Syndrom die Werte der linken Theaterschauspieler übernimmt, zieht „Moskau Einfach!“ seine Komik. Zumal die nur auf den ersten Blick von hehrem Kunstschaffen geprägte Theaterwelt ihr Fett weg bekommt.

Doch bald gerät Lewinsky auf Abwege und konzentriert sich zunehmend auf die ebenso zwangsläufige, wie vorhersehbare Liebesgeschichte zwischen Viktor und Odile. Der pointiert satirische Ton des Beginns macht zunehmend betulichen Momenten Platz, graues Beamtentum ergreift auch einen Film, der aus seinem spannenden Ausgangsmaterial weniger macht, als möglich gewesen wäre.

Michael Meyns