My Stuff – Was brauchst du wirklich?

Unmengen an mehr oder weniger nützlichen Dingen sammelt jeder durchschnittliche Mensch im Lauf seines Lebens an, doch brauchen wir das alles? Macht Besitz wirklich glücklich? Diese Fragen stellte sich auch der junge finnische Regisseur Petri Luukkainen und zeigt in dem subjektiven, persönlichen Film „My Stuff – Was brauchst du wirklich?“, zu welcher Antwort er kam.

Webseite: http://mystuffmovie.com

Finnland 2013 – Dokumentation
Regie: Petri Luukkainen
Länge: 80 Minuten
Verleih: Rise and Shine Cinema
Kinostart: 5. März 2015
 

FILMKRITIK:

Am Anfang hat er nichts und läuft nackt durch die schneebedeckten Straßen Helsinkis. Mit dieser offensichtlich inszenierten Szene beginnt Petri Luukkainens Dokumentarfilm „My Stuff – Was brauchst du wirklich?“. Seine komplette Wohnung hat er ausgeräumt, seinen gesamten weltlichen Besitz in ein Lagerraum untergebracht und sich einige Regeln auferlegt: Ein Jahr lang dauert das Experiment, ein Jahr lang darf er jeden Tag eine Sache aus dem Lager holen, und nicht zuletzt: nichts Neues kaufen. Am ersten Tag nimmt er einen langen Mantel, dann Schuhe, eine Hose, eine Bettdecke, die auch als Handtuch Verwendung findet. Nach einer Woche hat er genug Dinge, um wieder seiner Arbeit als Kameramann und Regisseur von Werbungen und Reality-Formaten nachzugehen.

Auch der Laptop kommt bald wieder zurück, so dass Luukkainen zumindest per Email mit seinen Freunden kommunizieren kann. Doch auf viele Annehmlichkeiten verzichtet er auch weiterhin: Weder die Plattensammlung noch die Angel holt er aus dem Lagerraum und grübelt stattdessen über den Wert der Dinge. Sporadische Gespräche mit Freunden, der Oma und seiner Mutter punktieren das Jahr, das mal schneller, mal langsamer vergeht. Mal springt der Film 30, 40 Tage, doch als Luukkainen eine Frau kennen lernt, sich auf das erste Date vorbereitet, vergeht die Erzählzeit langsamer. Kein Wunder, hatte doch schon sein kleiner Neffe naseweiß bemerkt, dass genau hier das Problem liegt: In Luukkainen Singledasein.

Dass am Ende von „My Stuff“ Luukkainens Erkenntnis steht, dass er sich nicht durch Dinge glücklich fühlt, sondern erst durch seine neue Freundin, ist nicht unbedingt revolutionär. Das Singledasein hatte ihn depressiv gemacht und erst den Anstoß zu seinem Projekt, seinem Selbstexperiment gegeben. Vorher hatte Luukkainen eine ganz normale Existenz geführt, die vom Konsum geprägt war, in der per Kreditkarte jederzeit fast alles verfügbar war. Wenig überraschend also, dass er im Laufe seines Experiments merkt, dass er viele Dinge gar nicht wirklich braucht, dass rund 100 Gegenstände zum Leben ausreichen, weitere 100 das Leben vergnüglicher machen, aber viel mehr ist nicht vonnöten.

Ein wenig dünn muten diese Erkenntnisse an, zumal der Grundgedanke der Konsumkritik so viele Möglichkeiten bieten würde. Doch meist bleiben Luukkainen eingesprochene Kommentare ebenso an der Oberfläche hängen, wie die sporadischen Gespräche mit Freunden und Verwandten. Manche Episoden wirken da fast inszeniert, um dem Film ein wenig mehr Pep, eine erzählerische Linie zu geben: Probleme mit seinem eigenen und dem Kühlschrank seiner Freundin etwa, der symbolhaft für die Schwierigkeit steht, ohne Neuanschaffung von kaputten Geräten zu leben. In der modernen Wegwerfgesellschaft ist das Reparieren von Gegenständen kaum noch vorgesehen, stattdessen soll beim kleinsten Problem sofort etwas Neues gekauft werden. Sich diesem Kreislauf zu entziehen ist kaum möglich, wie Luukkainen in einer der prägnantesten Szenen seines Films feststellt. Wenn er wie hier konkret wird, die Dinge auf den Punkt bringt gelingt es ihm, viel über Besitz, unnötigen Konsum und die wirklich wertvollen Dinge im Leben zu erzählen. Oft aber bleibt „My Stuff – Was brauchst du wirklich?“ etwas zu unkonkret, um das Potential seiner konsumkritischen Grundidee wirklich auszunutzen.
 
Michael Meyns