Orphea

Die berühmte antike Erzählung von Orpheus und Eurydike ist ein beispielloses Kulturgut und hat Kunstwerke aus Musik, Literatur und Film beeinflusst. Die Filmemacher Alexander Kluge und Khavn de la Cruz entführen in ihrer ebenso modernen wie surrealen, experimentellen Version der Sage ebenfalls in die Totenwelt. Doch setzen sie auf allerlei abstruse, fahrige und chaotisch aneinandergereihte Szenen und Bilderwelten, die sich um Poetik, Liebe, Musik sowie die Menschheits- und Kulturgeschichte drehen. Das ist höchst assoziativ und herausfordernd, lässt aber eine Huldigung der Wirkkraft der originalen Dichtung erkennen.

Website: rapideyemovies.de

Deutschland 2020
Regie & Drehbuch: Alexander Kluge, Khavn de la Cruz
Darsteller: Lilith Stangenberg, Ian Madrigal
Länge: 99 Minuten
Verleih: Rapid Eye Movies
Kinostart: 10.09.2020

FILMKRITIK:

Der griechische Mythos vom Dichter Orpheus, der seine Geliebte Eurydike aus der Unterwelt befreien will und mit der Kraft seiner Musik den Höllenhund bezwingt, ist älter als 2.000 Jahre. Der philippinische Regisseur Khavn de la Cruz und der deutsche Filmemacher Alexander Kluge („Deutschland im Herbst“) übertragen die Sage in die Jetztzeit und machen aus dem klassischen Stoff etwas völlig Neues. In ihrer Fassung, die auf der diesjährigen Berlinale in der Sektion „Encounters“ lief, geht es um die Sängerin Orphea de Jesus (Lilith Stangenberg), die in der philippinischen Hauptstadt Manila der Star der Underground-Rock-Szene ist. Jedoch sagt sie sich los vom hemmungslosen Rockstar-Leben und widmet sich ganz ihrem Geliebten Eurydiko (Ian Madrigal), einem Sex-Arbeiter.

Eines Tages ereilt Orphea ein Schicksalsschlag: Eurydiko verstirbt unvermittelt. Tagelang verbringt sie bei ihm auf dem Friedhof, bis sich ihr ein Tor öffnet, das direkt in die Unterwelt führt. Sie tritt hindurch und verfolgt künftig nur ein Ziel: Ihren Geliebten wiederzusehen, auch wenn sie dadurch selbst ewig in der Unterwelt festzusitzen droht. Dort steht sie bald darauf ihrem Herrscher gegenüber. Dieser zeigt sich emotional berührt von Orpheas Musik, die vor allem von der Lust und Leidenschaft im Land der Lebenden handelt. Der Herrscher gestattet ein kurzes Widersehen zwischen der jungen Frau und ihrem geliebten Eurydiko. Kann sie ihn für immer aus der Hölle herausholen?

Der 88-jährige Kluge und sein halb so alter Kollege Khavn kennen sich durch ihre gemeinsame Arbeit am Dokumentarfilm „Happy Lamento“ von 2018. Wie dieser Film bietet ebenso „Orphea“ ein Sammelsurium an unterschiedlichen Themen, Bildern und Eindrücken. Nur ist er noch schwerer greifbar, noch wilder und anspielungsreicher. Zuschauer mit einer Vorliebe für simple Handlungsstränge, eine einfache Narration und ruhige, fließende Bilder werden ihre Probleme mit diesem immer wieder arg konfus anmutenden Experimentalfilm haben. Denn Kluge und Khavn entscheiden sich für eine zwar detailreiche aber dennoch reizüberflutende audio-visuelle Umsetzung, die einen mit zusammenhanglosen, wirren Einzel-Passagen und kurzen Sequenzen konfrontiert.

Da können durchaus Irritationen entstehen, wenn man die Hauptfigur lautstark (und teils sehr schief) singend sowie beim Rezitieren von Gedichten sieht, oder sie wenig später auf ungemein pathetische Art mittels ihrer Musikdarbietung von der Welt der Lebenden „berichtet“. Zwischendurch gibt es nahezu in Sekundenschnelle ablaufende Impressionen und Szenen von ihrem Weg durch das Totenreich, schlecht ausgeleuchtete Bilder aus einem heruntergekommenen Slum in Manila sowie Einblendungen von Stichwörtern und thematischen Begriffen wie „Totenfluß“ und „Höllenhund“. Dazu gesellen sich billige, an aussortierte Theaterkulissen erinnernde Schauplätze, dekorative Elemente und unästhetische Szenerien.

Wie dies alles miteinander zusammenhängt, das muss jeder für sich selbst herausfinden. Eines muss man dem Film in jedem Fall zugutehalten: Er ehrt das „Original“ und verbeugt sich regelrecht vor den moralischen Botschaften der überlebensgroßen antiken Sage. Außerdem wird nicht selten geschickt auf die todbringende Schlange aus dem Mythos angespielt. Und: Die sich um Kopf und Kragen spielende – und singende – Hauptdarstellerin Lilith Stangenberg ist eine gute Wahl für die Rolle der aufbegehrenden Orphea. Die 31-jährige Berlinerin begeistert mit einer durchweg elektrisierenden, energetischen Performance.

Björn Schneider