Sag, dass Du mich liebst

Melina ist Kult. Ihre nächtliche Ratgebersendung im Radio ist der Quotenknüller. Wer hinter der einfühlsamen Stimme steckt, bleibt jedoch das große Geheimnis. Madame mag die Anonymität und lebt ein recht fades Leben. Bis sie überraschend ihre verschollen geglaubte Mutter aufstöbert. Im Angesicht der Wirklichkeit helfen Ratgebersprüche nicht weiter. Erst recht, als sich eine wilde Romanze anbahnt. Sprühend vor französischem Charme entwickelt sich ein hübsches, leichfüßiges Liebes-Märchen mit einer zauberhaften Hauptdarstellerin: Erfrischend angenehme Alternative zu den klebrigen Rom-Com-Klonen aus Hollywood.

Webseite: www.barnsteiner-film.de

OT: Parlez moi de vous
Frankreich 2012
Regie und Drehbuch: Pierre Pinaud
Darsteller: Karin Viard, Nicolas Duvauchell, Nadia Barentin, Catherine Hosmalin, Patricmk Fierry, Jean-Noel Brouté
Filmlänge: 89 Minuten
Verleih: Alpenrepublik, Vertrieb: Barnsteiner
Kinostart: 1.11.2012

PRESSESTIMMEN:

Zu Herzen gehendes tragikomisches Porträt einer Radio-Nighttalkerin, die im wahren Leben niemanden zum Reden hat.
BRIGITTE

Anrührende Tragikomödie mit einer famosen Karin Viard.
STERN

FILMKRITIK:

„Red’ mit deinem Mann, nicht mit dieser Schlampe!“, nicht alle sind von der Lebensberatung von Radiomoderatorin Melina restlos begeistert. Doch das ist klar die Minderheit. Die Dame am Mikrophon hat eine enorme Fan-Gemeinde, ihre zweistündige Quasselsendung ist der Quotenknüller im Nachtprogramm. Schließlich geht es um Sex und Liebe und allerlei Gefühlschaos. Melina hat für alle Sorgen dieser Welt spontan die passende, meist komische Antwort parat. Wer hinter der Stimme steckt ist jedoch ein großes Geheimnis, vertraglich hat sie sich vom Sender totale Anonymität zusichern lassen.

So aufregend und erfolgreich der Beruf, so öde und leer präsentiert sich das Privatleben der 40-Jährigen, die in Wahrheit Claire heißt. Im Alltag geht sie allen Kontakten aus dem Weg und lebt einsam in ihrer schicken Wohnung. Das Verhalten hat einen Grund, ein Trauma in der Kindheit. Als kleines Mädchen wurde sie im Heim abgegeben, sie abzuholen blieb ein leeres Versprechen der Mutter. Fortan kapselte sich die Heldin immer mehr ab, nur wenn sie auf Sendung geht, kommt sie in Fahrt.

Als Claire durch Nachforschungen erfährt, dass ihre verschollen geglaubte Mama in einer tristen Vorstadt-Siedlung lebt, begibt sie sich inkognito auf Spurensuche. Sie schleicht sich als freiwillige Mitarbeiterin in einem Wohltätigkeits-Laden ein und landet alsbald auf der Geburtstagsparty des freundlichen Lucas, wo sie auf ihre gesellige Mutter trifft. Dass sie ihren Ausweis vom Sender verliert, wird Folgen haben – amüsante und amouröse gleichermaßen. Denn Lucas vom chaotischen Clan der Mama findet die schüchterne Fremde recht reizvoll. Als der eigene Fall per Anruf überraschend in ihrer nächtlichen Sendung landet, rät Melina dringend von einer Beziehung ab, allein schon aus Altersgründen wäre diese Liebe unmöglich – nicht nur die besorgte Mutter von Lucas ist verwundert, denn sonst wurde in der Sendung sonst immer das genaue Gegenteil verkündet.

Während Lucas weiter an seinem romantischen Traumschloss bastelt, erschleicht sich Claire zunehmend das Vertrauen ihrer ahnungslosen Mutter. Es folgt der große Knall, eine Zeitschrift zeigt auf der Titelseite ein Foto von Melina. Das Geheimnis von Claire ist gelüftet. Ob es dennoch zu Hochzeit und Happy-End kommt wird hier nicht verraten. Nur soviel: Die französische Kinoküche hat andere Rezepte parat als Fastfood der Traumfabrik.

Jungfilmer Pinaud entwickelt seine Geschichte vom populären Medien-Star, der in Wahrheit ein armes Mäuschen ist, schlüssig und sensibel. Hinter vielen Fassaden erfolgreicher Menschen stecken eben oft zerbrechliche Figuren. Manche Marotten mögen bisweilen slapstickartig ausfallen, was in diesem Genre jedoch nicht großartig schadet. Reichlich charmant und verspielt präsentiert sich die gleichzeitige Liebesgeschichte. Die Chemie zwischen den beiden Darstellern Karin Viard und Nicolas Duvauchell wirkt überzeugend stimmig, das Pärchen ist leinwandpräsent, ohne aufdringlich zu sein. Mutti ist die Beste, das gilt natürlich auch hier: Nadia Barentin als resolute Rabenmutter mit dem Herzen auf dem rechten Fleck ist einfach großartig. Für sie sollte dieser Auftritt die letzte Rolle ihrer langen Karriere werden. 

Dieter Oßwald

Von der Suche nach Liebe erzählt Pierre Pinaud in seinem Debütfilm „Sag, dass du mich liebst.“ Eine von menschlichem Kontakt weitestgehend isoliert lebende Radiomoderatorin sucht ihre Mutter, die sie einst verlassen hatte und findet zu innerer Stärke. Die Geschichte ist nicht zuletzt dank der Hauptdarstellerin Karin Viard erstaunlich berührend.

Mélina (Karin Viard) ist gleichermaßen Kummerkasten, Beichtmutter, beste Freundin, Psychologin. Jeden Abend kann man sie im Radio hören und um Rat bei all den kleinen und großen Problemen des Lebens bitten. Immer hat Mélina eine Antwort parat, gibt Lebenshilfen und hält auch mit unkonventionellen Meinungen nicht hinterm Berg. Abseits des Tonstudios aber ist Mélina alles andere als souverän. Mit ihren edlen Kostümen, der blonden Mähne und einem penibel aufgeräumten Appartement entspricht sie dem äußeren Schein nach zwar der Klasse der Besserverdienenden, in ihrem Innern aber sieht es anders aus. In ihrer Wohnung schließt sie sich bisweilen in einen Schrank ein, wo ein altes Radio und eine vergilbte, verknitterte Postkarte, die einzigen Erinnerungsstücke an ihre Mutter sind. Die hat Mélina einst bei Nonnen abgegeben, mit dem Versprechen, sie bald zu sich zurück zu holen. Ein Versprechen, dass gebrochen wurde und Mélina bis heute belastet.

Doch nun hat sie die Adresse ihrer Mutter Joelle (Nadia Barentin) herausgefunden. In einem Vorort von Paris lebt diese in bescheidenen Verhältnissen, hat Mann, Kind, Schwiegertochter, Enkel, ein einfaches Leben. Sie direkt anzusprechen, sie direkt mit der Vergangenheit zu konfrontieren, wagt Mélina nicht, und so schleicht sie sich unauffällig in die Welt ihrer Mutter ein. In einem Altkleidergeschäft hilft sie aus, auch wenn sie der Schmutz, die abgelegte Kleidung anderer Menschen anekelt und lernt Lucas (Nicolas Duvauchelle) kennen, den Sohn von Joelles Schwiegertochter. Einige Jahre jünger als Mélanie, strebt er nach Höherem als einem Leben im Vorort, doch der Zugang zur Pariser Kunstszene scheint ihm versperrt. Gegen ihren Willen kommt Mélanie Lucas näher, erkennt in seiner fotografischen Arbeit ihre eigene Einsamkeit, wagt es aber nicht, ihre selbst geschaffene Hülle zu verlassen. Und schließlich kommt es zur Konfrontation mit der Mutter.

Weniger aggressiver Talk Radio-Moderator wie in Oliver Stones gleichnamigem Film, sondern mehr eine Art Domian ist Karin Viards Figur. Als Metapher für eine isoliert lebende Frau, die dennoch viel Empathie hat, ist diese Figur ebenso plakativ wie der Gegensatz zwischen distinguiertem Pariser Leben und etwas verfallener Vorstadt. So grob gezeichnet sind die Figuren, so klar die Konflikte, dass man sich immer wieder an Groschenromane oder Soap Operas erinnert fühlt. Aber dennoch: „Sag, dass du mich liebst“ bleibt bis zum Ende merkwürdig faszinierend, trotz oder gerade wegen seiner so schlichten Geschichte. Das mag zum einen an der großartigen Karin Viard liegen, die sich leichtfüßig zwischen dramatischen und komödiantischen Szenen bewegt, nicht zuletzt aber an einer letztlich doch sehr bodenständigen, realistischen Geschichte.

Denn Mélina durchlebt keine dramatischen Umwälzungen, führt kein tränenreiches Gespräch mit der Mutter, das sämtliches Leid der Vergangenheit hinwegwischt. Am Ende ist sie so allein wie zu Beginn, steht ihren Hörern auch weiterhin mit einfühlsamen Ratschlägen zur Seite. Die Konfrontation mit der Mutter hat zwar nicht ihr ganzes Leben verändert und hat dennoch Spuren hinterlassen. So erhält die Geschichte am Ende eine sensible Note, die man zu Beginn kaum erwarten konnte, die aber dennoch von Anfang an angelegt war. Ein schöner Film, mit einer tollen Hauptdarstellerin.

Michael Meyns

Paris. Mélina Martin ist beruflich auf der Höhe. Sie ist Ratgeberin, hilft durch das Radio Menschen aus Stress und Liebesschwierigkeiten; früher sagte man salopp „Briefkastentante“. Sie ist erfolgreich und sehr, sehr beliebt.

Privat ist das anders. Sie wurde als Kleinkind von ihrer Mutter im Stich gelassen und konnte das nie überwinden, auch mit 40 Jahren nicht. Sie ist hoch neurotisch, will, dass die Leute sie absolut nur über ihre Stimme kennen, lebt allein, schließt sich oft ein, ist ordnungsfanatisch, hat ständig Angst, sich durch Ansteckung eine Krankheit zu holen.

Aus dieser Sackgasse will sie herauskommen. Sie beauftragt einen Detektiv, die Adresse ihrer Mutter ausfindig zu machen, Es klappt.

Mélina nähert sich der Familie. Die Mutter heißt Joelle Goulin. Sie arbeitet gelegentlich in einer Kleidersammelstelle. Dort spürt Mélina Joelle auf, gibt sich jedoch noch nicht zu erkennen. Lucas kommt vorbei, der älteste Sohn von Joelles Schwiegertochter Ingrid. Er hat Geburtstag, lädt Mélina mit ein.

Mélina verliert auf dieser Feier ihren Radio-Ausweis, ist also nun enttarnt. Lucas findet ihn und überbringt ihn ihr. Sie ist wegen ihrer Komplexe abweisend wie so oft. Doch es wird ein Liebesverhältnis zwischen Mélina und Lucas entstehen. Mélina wird sich befreien (müssen).

Zuerst jedoch will sie von ihrer Mutter (im Krankenhaus) hören, dass Joelle sie als ihre Tochter liebt. Fast nur mit Gewalt kommt das zustande.

Das Leben kann kaputt gehen, wenn man keine Eltern hat oder diese sich grundfalsch verhalten. Leider geschieht das tausendfach.

Mélina hat sich zwar hochgearbeitet, hilft anderen, kann jedoch für sich selbst das alte Trauma, das Loch, die Leere, die auf mangelhafter Liebe aufgebaute Lebensgrundlage nicht überwinden. Das ist ihr Dilemma.

Schließlich kommt es zur Explosion. Jetzt könnte es besser werden, das Doppelleben ein Ende haben. Insbesondere auch dank Lucas.
Karin Viard stellt dieses problematische und traumatische Leben toll dar. Allerdings gerät sie mehr als einmal an schauspielerische Grenzen. Dann nämlich übertreibt sie heillos.

Miterlebenswert ist der formal allgemein gelungene Film aber allemal.

Thomas Engel